Von Traugott König

An den Grenzen von Unter-Nubien, auf dem Gipfel des Djebel Abusir, der über den zweiten Katarakt emporragt, während wir zusehen, wie der Nil gegen die Felsspitzen aus schwarzem Granit schlägt, stieß er einen Schrei aus: ‚Ich habe es! Heureka! Heureka! Ich werde sie Emma Bovary nennen’; und mehrere Male wiederholte er, genoß er den Namen Bovary, wobei er das o sehr kurz aussprach.“

So notierte es Maxime Du Camp, einer der ersten Photographen der ägyptischen Ruinenlandschaft im 19. Jahrhundert und Begleiter von Gustave Flaubert bei ihrer gemeinsamen Orientreise.

Ist die Anekdote glaubwürdig? Wenn ja, was war dann hier geschehen? Alle Biographen sind sich heute einig: Bis zu dieser Orientreise hatte Gustave Flaubert von seinem zehnten bis zu seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr rund fünfzig literarische Werke verschiedenster Gattung verfaßt, die alle grosso modo der französischen Romantik zuzurechnen sind und von denen er kein einziges veröffentlicht hat. Und ausgerechnet nach dieser Orientreise setzt er sich sofort hin und beginnt mit der Niederschrift, nicht etwa einer orientalischen Erzählung, wie immer wieder geplant, sondern mit Madame Bovary. Gerade also in Ägypten, dem Pilgerland der französischen Romantik, hat er ein für allemal mit der Romantik gebrochen, hat er, ohne daß er schreibt – wenn wir von seinen Briefen und Reisenotizen absehen –, den unverwechselbaren Stil der scheinbar kalt beobachtenden Unempfindlichkeit, der permanenten Demontage der Idylle gefunden, und das offenbar so schlagartig, ohne stilistische Übergänge, Vorstufen und Rückfälle, daß man den Eindruck einer plötzlichen Mutation, einer literarischen Konversion hat.

Will man hinter das Geheimnis dieser Konversion kommen, muß man sich vergegenwärtigen, welche immense Rolle der Orient seit Napoleons Ägyptenfeldzug für die kollektive Imagination der Franzosen spielte, und zwar als Flucht vor der alles erfassenden Etablierung des bürgerlichen Wirtschafts- und Herrschaftssystems mit seiner neuen Ideologie, ja Mythologie vom stetigen Fortschritt und Utilitarismus, mit seiner selbstentfremdenden Lebensweise, als Rückkehr zum nicht entfremdeten Leben, zu den mythischen Ursprüngen der Menschheit. Diese Bedeutung der Droge Orient für das literarische Europa ist sehr anschaulich und mit persönlichem Engagement dargestellt in der kürzlich auch auf Deutsch erschienen amerikanischen Studie Orientalism von Edward W. Said.

Erst in Kenntnis dieses kulturgeschichtlichen Phänomens des europäischen „Orientalismus“ scheint der Versuch möglich, zu erklären, wie Gustave Flaubert an den heiligen Stätten der französischen Romantik zum antiromantischen Schriftsteller par excellence und zum Stammvater der literarischen Modernität wurde.

Rein äußerlich ist kaum etwas erkennbar: Flaubert reist – wie die Romantiker! – mit der gebieterisch aneignenden Attitüde des europäischen Kolonialherren. Er hat einen Regierungsauftrag, den nicht zu erfüllen er sich offenbar leisten kann, offizielle Ehrungen und Würden werden mit Selbstverständlichkeit entgegengenommen, Diener, Frauen, Lustknaben, Tiere (wenn es einen juckt, schießt man mal ein bißchen auf sie) stehen den Gelüsten des Reisenden zur Verfügung.