Von dieser neuen Poetik her wäre es nun allerdings gleichgültig gewesen, ob man einen in Frankreich spielenden Gegenwartsroman oder eine orientalische Erzählung schreibt, und tatsächlich schwankt er da noch bis zum Ende der Reise. Vielleicht mußte er, um die romantische Versuchung des Orients ganz und gar in sich abzutöten und seine neue Erleuchtung auf die Probe zu stellen, erst einen nicht-orientalischen Roman schreiben, bei dem sich der "Orientalismus" hinter der monotonen Alltagsbanalität einer normannischen Provinzehe verbarg wie bei Madame Bovary. Aber es war kein Geringerer als Charles Baudelaire, der in seiner Rezension von 1857 als erster erkannt hat, daß Madame Bovary eine Verkleidung des Heiligen aus der offen dem neuen Flaubertschen "Orientalismus" frönenden Versuchung des heiligen Antonius ist: "Es wäre mir leicht gewesen, unter dem minuziösen Geflecht von Madame Bovary die hohen Fähigkeiten an Ironie und Lyrismus wiederzufinden, die Die Versuchung des heiligen Antonius im äußersten Maße auszeichnen."

So erklärt sich die viele überraschende Tatsache, daß Flaubert nach der Madame Bovary sich mit Salammbo in das barbarische "orientalische" Karthago begab, daß er sein Leben lang ins frühchristliche Ägypten des heiligen Antonius zurückkehrte und daß er sein erzählerisches Werk mit der altjüdischen Novelle Herodias abschloß.

Diesen bisher kaum gesehenen Aspekt des Flaubertschen "Orientalismus" als eine neue Poetik in aller Breite und unter den verschiedensten Gesichtspunkten dargelegt zu haben, ist das Verdienst eines internationalen Kolloquiums zum Thema "Gustave Flaubert: Die Versuchung des Orients – Konstitutien einer avantgardischen Ästhetik", zu dem der Romanist AndreStoll vor einiger Zeit ins "Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld" eingeladen hatte. Dieses Kolloquium, das einen beachtenswerten Abschluß der langen Reihe der Flaubert-Kolloquien darstellte, die anläßlich von Flauberts hundertstem Todesjahr 1980 im angelsächsischen und französischen Sprachraum stattfanden, erhielt eine zusätzliche Bedeutung durch eine gleichzeitige Doppelausstellung zum Thema "Orientalismus" des 19. Jahrhunderts: Zum erstenmal konnte man bei uns rund 85 Ägyptenphotos aus der Zeit von 1839 bis 1860 sehen, darunter die ausgezeichneten Aufnahmen des erwähnten Reisebegleiters von Gustave Flaubert, Maxime Du Camp. Diese Photos, die noch ganz dem Strukturprinzip von Werken der bildenden Kunst verhaftet sind, konnten unmittelbar verglichen werden mit einer gleichzeitigen Ausstellung von 26 Druckgraphiken zum "Orientalismus" von Delacroix, Doré, Manet, Degas, Ingres u. a. bis hin zu den Lithographien, die Odilon Redon zu Flauberts Versuchung des Heiligen Antonius angefertigt hat. "Der Orient", schrieb André Stoll dazu im Ausstellungskatalog, "für das nachrevolutionäre Frankreich das fruchtbarste Feld politischer und ästhetischer Erfahrung, umfaßt weniger geographische denn mythische Räume der Imagination: die archaische oder barbarisch-sinnliche Gegenwelt schlechthin zur verbürgerlichten, industrialisierten Gesellschaft... Nach dem Sturz der alten Götter sucht der Okzident hier die Kultstätten der Religionen befreiter Sinnlichkeit, aber auch, zur Bestätigung seiner verborgenen Zukunftsängste, die exemplarischen Zeugen zivilisationsbedrohender Geschichtskatastrophen. An der Ausstattung des Orients zur idealtypischen Heimat solcher Fluchtphantasien ist die technische Entwicklung neuer visueller Medien nicht minder beteiligt als die utopische Vorstellungskraft der oppositionellen Schriftsteller und Künstler von der Romantik bis zum Symbolismus."