Ein subjektiver Weltuntergang oder: drei verlorene Söhne

Von Ruth Herrmann

Mahmut Özkan* sorgt dafür, daß die Verbindung zu mir nicht abreißt. Wenn ich mich einige Wochen nicht gemeldet habe, ruft er an. „Wie geht? Gesund? Frau, Kinder alles gut auch, ich krank, aber wieder arbeiten letzt Woche.“ Oft folgt dann eine Einladung, letztes Jahr die ehrenvolle zum Festessen nach der Fastenwoche zu Ramadan. Wir kennen uns seit neun Jahren.

Früher meldete Özkan sich manchmal an, weil er einen Rat oder praktische Hilfe brauchte. Er kam niemals allein, weil sich das nicht gehört, meinem Ruf schaden könnte. Er brachte einen Sohn mit. Es ging dann darum, einen Fragebogenauszufüllen oder den Brief an eine Behörde aufzusetzen. Einmal – vor fünf oder sechs Jahren – kam er mit seiner Frau. „Sie nehmen nach ein Frauenarzt,“ Das ging schief, weil ich Nilgün zu einem Gynäkologen brachte. Sie entwich aus dem Wartezimmer, als sie merkte, daß wir uns nicht in der Praxis einer Ärztin befanden.

Letzten Monat nun rief Mahmut Özkan an und sagte ohne Vorrede: „Fragen ich und mein Familie Sonntag komm dein Haus.“ Es hörte sich mehr wie eine Forderung an, da tat das Familienoberhaupt seinen Willen kund wie zu Hause gewohnt, Vielleicht hätte er sich verbindlicher ausgedrückt, wäre sein Deutsch besser. Er hat darin kaum Fortschritte gemacht, spricht nur schneller als damals und ist bei längeren Ausfülle rungen eher schlechter zu verstehen, Özkan arbeitet seit sechzehn Jahren in Deutschland, übrigens noch immer auf demselben Arbeitsplatz, für den er 1965 in seiner Heimat angeworben wurde.

„Sonntag komm dein Haus?“ wiederholte er ungeduldig, Es schien wichtig, dringlich zu sein, und ich sagte zu.

Die fünfköpfige Familie erschien eine Stunde früher als verabredet. Alle warfen wie immer die Schuhe im Winkel vor der Wohnungstür ab, wie immer wurden mir Blumen und Konfekt überreicht. Ich hatte wieder ganz besonders süßen Kuchen gekauft, Stücke mit rosa undhellgrünem Zuckerguß, wie Türken sie lieben. Diesmal hielten sich die Söhne aber an trockenen Napfkuchen und Apfelschnitten.