Gehen wir unter wie einst die Römer?

Von Gerhard Prause

Untergangsstimmung breitet sich aus. Es wächst die Furcht, daß die heute anstehenden Probleme unlösbar sein könnten: die zu hohe Staatsverschuldung der Bundesrepublik, allgemein die Inflation, die wachsenden Ausgaben für Rüstung und Industrie, weiter – wiederum vor allem bei uns – die steigenden Kosten für das soziale Netz, für das große Heer der Beamten, auch zunehmende Schwierigkeiten mit den Alternativen. Immer mehr Menschen zweifeln die Richtigkeit des bisherigen Weges an, und viele wollen aussteigen. Kann es sein, daß es mit uns, mit der ganzen westlichen Welt zu Ende geht, auf dieselbe Art wie einst mit den Römern?

Die Frage mag überraschen, mag vielleicht allzu einfach klingen. Aber daß die gegenwärtige Situation der westlichen Welt erstaunliche Ähnlichkeiten, ja Parallelen mit der Untergangsphase des Römischen Reiches zeigt, ist nicht zu bezweifeln. Und daß der Untergang jenes riesigen Imperiums auf eine angebliche Verweichlichung und sittliche Verkommenheit seiner Kaiser zurückzuführen sei, ist eine zwar oft wiederholte, aber haltlose Behauptung. In Wahrheit starb das Römische Reich, weil seine Bürger vor gut anderthalb Jahrtausenden mit eben solchen Problemen, vor denen wir heute stehen, nicht fertig geworden sind.

Jener scheinbar überraschende Untergang, der den Nachfolgenden stets von neuem zu denken gab, erfolgte nicht auf einen Schlag und nicht in einem bestimmten Jahr. Nicht zum Beispiel – wie oft gesagt – im Jahre 364, als Kaiser Valentinian I. das Reich in West- und Ostrom teilte, weil er meinte, ein einziger Herrscher könne es wegen seiner gewaltigen Ausdehnung nicht regieren; das Gesamtreich umfaßte alle Länder des weiteren Mittelmeergebiets einschließlich: Nordafrikas und Ägyptens, ragte weit nach Deutschland hinein, umfaßte auch England und reichte im Osten bis an den Persischen Golf und das Kaspische Meer. Auch das Jahr 476 war nicht der Untergang, als der germanische Heerführer Odoaker, der in Italien zum König ausgerufen wurde, den (letzten weströmischen) Kaiser Romulus Augustulus absetzte. Das war zwar de jure das Ende des weströmischen Reiches, von dem Nordafrika an die Wandalen, Spanien und Gallien an Westgoten und Burgunder, Germanien an Alemannen und Franken bereits verlorengegangen waren. Doch ein Rest, nämlich das Kernstück Italien, existierte unter Odoaker weiter, auch noch, unter dessen Nachfolger Theoderich, der im Auftrag des oströmischen Kaisers Zeno die Einheit von Rom und Konstantinopel sogar noch einmal wiederherstellte. Das Sterben des Römischen Reiches war ein langwieriger Prozeß, der schon sehr viel früher eingesetzt hatte.

Das hatte bereits der britische Historiker Edward Gibbon in seinem berühmten Werk "History of the decline and fall of the Roman Empire" (1776–88) dargestellt, wobei er diesen langen Prozeß mit dem Tod Marc Aurels (180 n. Chr.) beginnen und erst mit dem Fall Konstantinopels (1453) enden ließ und die Schuld daran vor allem den Christen gab.

Neuerdings hat der angesehene britische Althistoriker Michael Grant, emeritierter Professor für Geistesgeschichte an der Edinburgh University, dieses Thema noch einmal aufgenommen. Er tat dies bewußt im Vergleich mit unserer gegenwärtigen Lage, ja in der erklärten Absicht, aus der Geschichte lernen zu müssen, um überleben zu können. In seinem Buch "Der Untergang des Römischen Reiches" (1977), das der Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach, jetzt als Sonderausgabe anbietet, will Grant – so schrieb es Golo Mann in seinem Vorwort – "im Gegensatz zu Oswald Spengler kein Fatalist sein. Vielmehr ist seine Oberzeugung: Hatten die Römer gewisse Dinge besser gemacht, dann hätte es mit ihrem Reich und Glanz kein so klägliches Ende genommen. Und wenn wir die uns gestellten Aufgaben recht erfüllen, dann müssen wir den Weg Roms nicht gehen." Dies muß nun freilich Behauptung bleiben. Aber Michael Grants Überlegungen und Ergebnisse, die Golo Mann "für wahr und für sehr wichtig" erklärt, sind jedenfalls interessant und bedenkenswert.

Es sind sechs Problemkreise, die Grant, von heute ausgehend, im Römischen Reich wiederfindet. Der erste umfaßt Fragen der Armee, der Rüstung und des Staatshaushalts. Der zweite die wachsenden Klassengegensätze in der Gesellschaft. Der dritte die nicht mehr einzuschränkende Macht der Beamten und den stetig zunehmenden Bürokratismus. Der vierte stellt das zerbrechende Bündnis zwischen West- und Ostrom dar (wobei das Westreich mit dem heutigen Westeuropa, das in größerem Wohlstand lebende Ostreich mit dem heutigen Amerika verglichen wird). Der fünfte Problemkreis entstand durch die gewältig wachsende Zahl der gesellschaftlichen Außenseiter, vor allem der damaligen Christen. Und das sechste große Problem war eine allgemeine Leistungsschwäche. Auf einige dieser sechs Problemkreise, die es für uns ganz ähnlich gibt, soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Gehen wir unter wie einst die Römer?

Mit der Armee hatte schon Kaiser Augustus Sorgen gehabt. Nach seinem Sieg über Antonius und Kleopatra hatte er sie von 70 Legionen – das waren etwa 420 000 Mann – auf 28 Legionen verkleinert. Augustus meinte, daß Rom sich mehr als die verbleibenden 168 000 Soldaten nicht mehr leisten sollte, vor allem aus finanziellen Gründen. Später, nach der Teilung, standen allein im Westreich 250 000 Mann unter Waffen, im Ostreich gut 300 000. Verglichen zum Beispiel mit den ja keineswegs gleichzeitig anstürmenden 40 000 Goten unter Alarich und den 20 000 Wandalen unter Geiserich und nur etwa 10 000 alemannischen Kriegern schien das sehr viel zu sein, zumal die römischen Truppen besser ausgerüstet waren. Aber dies war die Aufstellung auf: dem Papier, wie sie im Jahre 395 in der "Notitia Dignitatum" erschien, einer Liste – der wichtigsten offiziellen Ämter und militärischen Kommandostellen und der ihnen unterstehenden Verbände. Die Wirklichkeit sah entschieden anders aus als jene Zahlen, von denen sich die Römer offenbar blenden ließen.

Als der weströmische Reichsverweser Stilicho 405 sein Reich gegen eindringende Germanen verteidigen mußte, da konnte er angeblich 30 000, wahrscheinlich aber kaum mehr als 20 000 Mann ins Feld führen. Und dies war die stärkste Armee, die Stilicho, der größte Feldherr jener Zeit, je befehligt hat. Michael Grant: "Ein 15 000 Mann starkes römisches Heer war damals eine relativ beachtliche Streitmacht, und es gab Expeditionskräfte, die oft nur über 5000 Mann verfügten." Das heißt, in Wirklichkeit hat es die zahlenmäßige Überlegenheit der römischen Truppen über die germanischen Eindringlinge gar nicht gegeben. Rom hätte also längst aufrüsten müssen,

Aus dem 4. Jahrhundert ist ein Pamphlet über die unzureichenden Verteidigungsmöglichkeiten überliefert. Sein höchst besorgter, anonymer Verfasser schlug der Regierung vor, die Armee stärker zu mechanisieren und sie mit wirkungsvolleren Waffen zu versehen. Auf diese Weise, meinte er, könne man Soldaten einsparen. Soldaten kosteten viel Geld, und überdies wurde es für die Römer immer schwieriger, ihre Armee mit gutem Nachwuchs zu versorgen. Bis zu Beginn des 3 Jahrhunderts hatte es einen starken Anreiz gegeben, Legionär zu werden, weil jedem Legionär schon bei der Einstellung das begehrte römische Bürgerrecht verliehen wurde. Später entfiel dieser Anreiz; seit dem Jahre 212 besaßen praktisch alle Bewohner des Imperiums das Bürgerrecht, außer den Sklaven, die aber nicht Soldat werden durften.

Eine wirkliche Verbesserung der Armee hieltet viele Kritiker nur durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für möglich, wie sie in früheren Zeiten praktisch bestanden hatte. Aber das Wehrgesetz hatte um Ungerechtigkeiten zu mildern – immer mehr Befreiungsmöglichkeiten geschaffen. Zunächst waren Senatoren, Beamte, Priester, dann auch Köche und Bäcker vom Militärdienst befreit. Da die Großgrundbesitzer auf die für sie arbeitenden Bauern und Landarbeiter nicht verzichten wollten, sah das Gesetz bald auch eine Freistellung der Landarbeiter vor, allerdings gegen eine Ablösung in Geld. Diese Möglichkeit wurde schließlich jeden Bürger gewährt. Und so war es folgerichtig und sinnvoll, daß die Kaiser, die ja nun einmal Soldaten brauchten, für dieses Geld germanische und hunnische Söldner einstellten.

Aber die für den Militärdienst allein durchs Geld motivierten Germanen und Hunnen waren im Ernstfall kaum bereit, für Rom zu sterben, zumal die Römer selbst dies ja ebensowenig zu sein schienen. Doch ständig erhöhten sie ihre Forderungen: mehr Geld, Anerkennung als gleichberechtigte Konföderierte, schließlich auch eine Altersversorgung, in Form von Land. Und ihre Offiziere mußten mit teuren Geschenken bei der Stange gehalten werden. Als wirklich gleichberechtigt konnten die Germanen sich nie fühlen; Rassenkonflikte spielten im späten Rom die gleiche Rolle wie heute in den Vereinigten Staaten

Ständig die Steuern erhöht

Die Kaiser sahen keinen anderen Weg, als wegen der rapide wachsenden Heereskosten immer wieder die Steuern zu erhöhen, auch wenn sie das Gegenteil versprochen hatten. (Den für moderne Regierungen zunächst bequemen Weg der Staatsverschuldung, der die Rückzahlung nachfolgenden Generationen aufbürdet, kannte man damals nicht.) Kaiser Marcus Aurelius Probus (276–286) soll sogar die baldige Abschaffung der Arme; versprochen haben, da sich die Lage unter seiner Herrschaft so günstig entwickelt habe. In der damals entstandenen "Historia Augusta" heißt es: Welche große Wohltat wäre es gewesen, wenn es keine Soldaten mehr gegeben hätte! Kein Provinzbewohner hätte sie mehr versorgen müssen! Man hätte die Truppen nicht mehr aus den öffentlichen Kassen zu bezahlen brauchen. Der römische Staat dürfte seine Schätze behalten ... und die Grundbesitzer müßten keine Steuern mehr zahlen!"

Gehen wir unter wie einst die Römer?

Das in Aussicht gestellte goldene Zeitalter kam nie. Im Gegenteil, immer wieder mußten die Steuern erhöht werden, und zwar drastisch. Und um die geforderten Steuern auch wirklich zu bekommen, wurden vom Staat harte Kontrollmaßnahmen eingeführt. Neunzig Prozent der Steuereinnahmen kamen aus der Grundsteuer, müßten also von der Landbevölkerung aufgebracht werden, die diese Belastung nicht weitergeben konnte. Der Rhetoriker Libanius schrieb im 4. Jahrhundert: "Während die Kaufleute ihre Verluste durch Spekulationen wieder ausgleichen können, werden diejenigen, die sich durch die Arbeit ihrer Hände kaum den Lebensunterhalt verdienen können, unter den Lasten erdrückt."

Zu viele und zu mächtige Beamte

Das Anziehen der Steuerschraube führte nicht zu den erforderlichen Mehreinnahmen, wohl aber zu einer Verschärfung des Gegensatzes von Reich und Arm. Die Reichen fanden zahlreiche Möglichkeiten der Steuerhinterziehung, denn ein großer Teil der Beamten und Steuereintreiber war bestechlich. Während sie noch reicher wurden, wurden die Armen noch ärmer. Viele Bauern gaben ihr Land auf, gingen in die Städte und gehörten von da an zum Proletariat, das sich vom Staat unterstützen ließ. Es gab schon bei den Römern ein "soziales Netz", wenn es auch sehr viel niedriger hing als das unsrige. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts wurden allein in Rom 300 000 Einwohner auf Staatskosten ernährt. Doch haben die Kaiser nicht gewagt, diese Ausgaben zu kürzen.

Mehr Geld mußten sie für eine andere, höchst einflußreiche Gruppe aufbringen, nämlich für das Heer von Beamten. Der Beamtenapparat war notwendig, um das in hundert Provinzen unterteilte Reich verwalten zu können. Aber je komplizierter die Verwaltung wurde und je mehr der einzelne Bürger von ihr kontrolliert werden sollte, desto gewaltiger schwoll der Apparat an und wurde seinerseits unkontrollierbar. Der Leiter des Amts für kaiserliche Schenkungen hatte fast 850 Beamte unter sich. In der letzten Zeit – so Grant – stieg die Zahl der Beamten ins Ungemessene.

Dies wurde offen angeprangert und war auch den Kaisern in beunruhigender Weise bewußt. Mit zahllosen Gesetzen und Erlassen versuchten sie, diese Entwicklung aufzuhalten. Aber alle ihre Anstrengungen, die Verwaltung wieder stärker zu zentralisieren, um sie der willkürlichen Macht einzelner Beamter zu entziehen und mehr Gerechtigkeit in die Zustände zu bringen, bewirkten das Gegenteil: noch mehr Kontrolle und immer noch mehr Beamte. Die in hysterischer Angst Schlag auf Schlag erlassenen Gesetze, die die allenthalben sichtbar werdenden Mißstände eigentlich beheben sollten, führten, schreibt Grant, zu einem "erschreckenden und ständig zunehmenden Verlust an persönlicher Freiheit für alle, mit Ausnahme der sehr Reichen und Mächtigen".

Gegen die Beamten war so gut wie nichts zu machen, weil sie unkündbar waren, ja ihre Posten waren sogar erblich! Diese Privilegien hatten sie sich erkämpft, zum Ausgleich dafür, daß sie nicht gut bezahlt wurden. Ihre mäßige Besoldung in unerschütterlich gesicherter Stellung hatte fatale Folgen: Die meisten Beamten waren korrupt und ließen sich bestechen. "Sogar pensionierte Beamte schlugen noch Kapital aus ihrer Stellung", sagt Grant. Und ein Schriftsteller des 4. Jahrhunderts: "Hatten sie einmal ein Amt innegehabt, hatten sie das Privileg, auch weiterhin ihre Mitmenschen zu berauben."

Der alles reglementierende Bürokratismus, dem sich letztlich nur wenige mit Hilfe von Bestechungen entziehen konnten, machte das Römische Reich für die Masse zu einem Militärlager, zu einem Gefängnis. Das führte bei seinen Bürgern zu einer folgenschweren Staatsverdrossenheit und dazu, daß immer mehr Menschen eigene Wege gingen und zu Außenseitern der Gesellschaft wurden und sich, wenn möglich, dem Staat entzogen, etwa indem sie sich dem Asketentum zuwandten, dem kontemplativen Leben fern vom Getriebe der Welt, das im Verlauf von zwei Jahrhunderten zu einer Idealvorstellung geworden war. Auf diese Weise entzog sich ein großer Teil der Christen der Allgemeinheit, was schon Marc Aurel ihnen sehr verübelte.

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Andere Gruppen entzogen sich auf andere Weise: Junge Männer, die ihr Land aufgegeben hatten und ohne Arbeit waren, aber nicht ins Proletariat absteigen wollten, fanden sich in Banden zusammen, die von Raubüberfällen lebten. Alle Straßen im Reich wurden unsicher.

Die Auflösung – vor allem im Westen – erfaßte alle Bereiche und ging durch alle Bevölkerungsschichten. Und so kam es zu vielerlei Spannungen und Gegensätzen: zwischen Volk und Armee, zwischen der Armee und dem Kaiser, zwischen Arm und Reich, zwischen den Armen und dem Staat, den Reichen und dem Staat, dem Mittelstand und dem Staat, zwischen dem Volk und den Bürokraten, zwischen den Rassen. Und schließlich standen sogar die beiden Reichsteile gegeneinander: Aus Verbündeten waren Gegner geworden.

In diesem Verfall des Bündnisses der beiden Reichshälften, die sich zunächst noch als Einheit empfanden, als das einzige Imperium Romanum, sah schon Gibbon einen der Hauptgründe für den Zerfall der klassischen Kultur. Westrom, der schwächere, weniger wohlhabende und von Germanen und Hunnen stärker bedrängte Bündnispartner, blieb dabei auf der Strecke, während Ostrom noch lange Zeit überlebte, aber nur in beschränkten Form, als übriggebliebene Hälfte. Michael Grant, der den Verfall des Bündnisses ausführlich untersucht und dabei zeigt, daß er hätte vermieden werden können, scheut nicht den warnenden Vergleich: "In unserer Zeit würde ein ähnlich verhängnisvoller Bruch zwischen Amerika und Westeuropa den Untergang des letzteren zur Folge haben, denn auch Westeuropa ist der schwächere Bündnispartner."

Noch bevor es zu jenem Bündnisverfall kam, hatte Kaiser Konstantin I. (306–337) versucht, den vielen inneren Gegensätzen und Spaltungstendenzen mit Hilfe des Christentums entgegenzuwirken, zu dem er sich bekannte und das er Zur Staatsreligion erklärte. Das ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil brachte sein Entschluß – zu einer Zeit, da die Christen noch sehr in der Minderheit waren – durch den Bekehrungseifer der Kirche für die meisten Untertanen neue harte Zwänge. Ein Gutes hatte Konstantins Entscheidung, die auch politische Gründe hatte, aber doch zur Folge. Konstantin beschlagnahmte die Schätze der heidnischen Tempel, und dies ermöglichte es ihm, beträchtliche Mengen an werther ständigen Goldmünzen, die begehrten solidi, prägen zu lassen. Konstantins solidus wurde ein wichtiger Markstein der Wirtschaftsgeschichte, indem er die Inflation eine Zeitlang abschwächte (allerdings nicht, wie oft behauptet, zum Stillstand brachte). Doch kam dies allein den Reichen zugute; die Armen bekamen solche Goldmünzen gar nicht zu Gesicht, für sie ging die Inflation mit den denari, den Münzen in versilberter Bronze, ungebremst weiter und erreichte schließlich außerordentliche Entwertungen. Im Jahre 324 entsprach ein solidus 4500 denarii, nur 13 Jahre später bereits 275 000! So rapide wuchs der Gegensatz von Arm und Reich.

Unverständliche Gleichgültigkeit

An seinen vielen inneren Gegensätzen ist das Römische Reich zerbrochen. An ganz ähnlichen Gegensätzen, sagt Grant, könnte auch unsere moderne Welt zerbrechen. Grant ist überzeugt, daß die Römer die Gefahr zwar frühzeitig erkannten, daß sie es aber versäumten, sich von überholten Denkmodellen zu lösen und den Veränderungen gegenüber allzu gleichgültig blieben. Und er warnt: "Auch wir reagieren heute oft mit ähnlich unverständlicher Gleichgültigkeit auf die Ereignisse, besonders in der Wirtschaft und Industrie. Wir glauben, jede neue Krise gliche der vergangenen und könnte mit altbekannten Heilmitteln überwunden werden." Das aber kann, wie die Geschichte Roms zeigt, katastrophale Folgen haben.

Es ist allerdings hinzuzufügen, daß von jenem Untergang zwar viele Menschen betroffen wurden, daß aber ja nicht die Menschen selber untergingen. Untergegangen ist eine Staatsform. Das Leben ging weiter. Damals.