Mit der Armee hatte schon Kaiser Augustus Sorgen gehabt. Nach seinem Sieg über Antonius und Kleopatra hatte er sie von 70 Legionen – das waren etwa 420 000 Mann – auf 28 Legionen verkleinert. Augustus meinte, daß Rom sich mehr als die verbleibenden 168 000 Soldaten nicht mehr leisten sollte, vor allem aus finanziellen Gründen. Später, nach der Teilung, standen allein im Westreich 250 000 Mann unter Waffen, im Ostreich gut 300 000. Verglichen zum Beispiel mit den ja keineswegs gleichzeitig anstürmenden 40 000 Goten unter Alarich und den 20 000 Wandalen unter Geiserich und nur etwa 10 000 alemannischen Kriegern schien das sehr viel zu sein, zumal die römischen Truppen besser ausgerüstet waren. Aber dies war die Aufstellung auf: dem Papier, wie sie im Jahre 395 in der "Notitia Dignitatum" erschien, einer Liste – der wichtigsten offiziellen Ämter und militärischen Kommandostellen und der ihnen unterstehenden Verbände. Die Wirklichkeit sah entschieden anders aus als jene Zahlen, von denen sich die Römer offenbar blenden ließen.

Als der weströmische Reichsverweser Stilicho 405 sein Reich gegen eindringende Germanen verteidigen mußte, da konnte er angeblich 30 000, wahrscheinlich aber kaum mehr als 20 000 Mann ins Feld führen. Und dies war die stärkste Armee, die Stilicho, der größte Feldherr jener Zeit, je befehligt hat. Michael Grant: "Ein 15 000 Mann starkes römisches Heer war damals eine relativ beachtliche Streitmacht, und es gab Expeditionskräfte, die oft nur über 5000 Mann verfügten." Das heißt, in Wirklichkeit hat es die zahlenmäßige Überlegenheit der römischen Truppen über die germanischen Eindringlinge gar nicht gegeben. Rom hätte also längst aufrüsten müssen,

Aus dem 4. Jahrhundert ist ein Pamphlet über die unzureichenden Verteidigungsmöglichkeiten überliefert. Sein höchst besorgter, anonymer Verfasser schlug der Regierung vor, die Armee stärker zu mechanisieren und sie mit wirkungsvolleren Waffen zu versehen. Auf diese Weise, meinte er, könne man Soldaten einsparen. Soldaten kosteten viel Geld, und überdies wurde es für die Römer immer schwieriger, ihre Armee mit gutem Nachwuchs zu versorgen. Bis zu Beginn des 3 Jahrhunderts hatte es einen starken Anreiz gegeben, Legionär zu werden, weil jedem Legionär schon bei der Einstellung das begehrte römische Bürgerrecht verliehen wurde. Später entfiel dieser Anreiz; seit dem Jahre 212 besaßen praktisch alle Bewohner des Imperiums das Bürgerrecht, außer den Sklaven, die aber nicht Soldat werden durften.

Eine wirkliche Verbesserung der Armee hieltet viele Kritiker nur durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für möglich, wie sie in früheren Zeiten praktisch bestanden hatte. Aber das Wehrgesetz hatte um Ungerechtigkeiten zu mildern – immer mehr Befreiungsmöglichkeiten geschaffen. Zunächst waren Senatoren, Beamte, Priester, dann auch Köche und Bäcker vom Militärdienst befreit. Da die Großgrundbesitzer auf die für sie arbeitenden Bauern und Landarbeiter nicht verzichten wollten, sah das Gesetz bald auch eine Freistellung der Landarbeiter vor, allerdings gegen eine Ablösung in Geld. Diese Möglichkeit wurde schließlich jeden Bürger gewährt. Und so war es folgerichtig und sinnvoll, daß die Kaiser, die ja nun einmal Soldaten brauchten, für dieses Geld germanische und hunnische Söldner einstellten.

Aber die für den Militärdienst allein durchs Geld motivierten Germanen und Hunnen waren im Ernstfall kaum bereit, für Rom zu sterben, zumal die Römer selbst dies ja ebensowenig zu sein schienen. Doch ständig erhöhten sie ihre Forderungen: mehr Geld, Anerkennung als gleichberechtigte Konföderierte, schließlich auch eine Altersversorgung, in Form von Land. Und ihre Offiziere mußten mit teuren Geschenken bei der Stange gehalten werden. Als wirklich gleichberechtigt konnten die Germanen sich nie fühlen; Rassenkonflikte spielten im späten Rom die gleiche Rolle wie heute in den Vereinigten Staaten

Ständig die Steuern erhöht

Die Kaiser sahen keinen anderen Weg, als wegen der rapide wachsenden Heereskosten immer wieder die Steuern zu erhöhen, auch wenn sie das Gegenteil versprochen hatten. (Den für moderne Regierungen zunächst bequemen Weg der Staatsverschuldung, der die Rückzahlung nachfolgenden Generationen aufbürdet, kannte man damals nicht.) Kaiser Marcus Aurelius Probus (276–286) soll sogar die baldige Abschaffung der Arme; versprochen haben, da sich die Lage unter seiner Herrschaft so günstig entwickelt habe. In der damals entstandenen "Historia Augusta" heißt es: Welche große Wohltat wäre es gewesen, wenn es keine Soldaten mehr gegeben hätte! Kein Provinzbewohner hätte sie mehr versorgen müssen! Man hätte die Truppen nicht mehr aus den öffentlichen Kassen zu bezahlen brauchen. Der römische Staat dürfte seine Schätze behalten ... und die Grundbesitzer müßten keine Steuern mehr zahlen!"