Das in Aussicht gestellte goldene Zeitalter kam nie. Im Gegenteil, immer wieder mußten die Steuern erhöht werden, und zwar drastisch. Und um die geforderten Steuern auch wirklich zu bekommen, wurden vom Staat harte Kontrollmaßnahmen eingeführt. Neunzig Prozent der Steuereinnahmen kamen aus der Grundsteuer, müßten also von der Landbevölkerung aufgebracht werden, die diese Belastung nicht weitergeben konnte. Der Rhetoriker Libanius schrieb im 4. Jahrhundert: "Während die Kaufleute ihre Verluste durch Spekulationen wieder ausgleichen können, werden diejenigen, die sich durch die Arbeit ihrer Hände kaum den Lebensunterhalt verdienen können, unter den Lasten erdrückt."

Zu viele und zu mächtige Beamte

Das Anziehen der Steuerschraube führte nicht zu den erforderlichen Mehreinnahmen, wohl aber zu einer Verschärfung des Gegensatzes von Reich und Arm. Die Reichen fanden zahlreiche Möglichkeiten der Steuerhinterziehung, denn ein großer Teil der Beamten und Steuereintreiber war bestechlich. Während sie noch reicher wurden, wurden die Armen noch ärmer. Viele Bauern gaben ihr Land auf, gingen in die Städte und gehörten von da an zum Proletariat, das sich vom Staat unterstützen ließ. Es gab schon bei den Römern ein "soziales Netz", wenn es auch sehr viel niedriger hing als das unsrige. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts wurden allein in Rom 300 000 Einwohner auf Staatskosten ernährt. Doch haben die Kaiser nicht gewagt, diese Ausgaben zu kürzen.

Mehr Geld mußten sie für eine andere, höchst einflußreiche Gruppe aufbringen, nämlich für das Heer von Beamten. Der Beamtenapparat war notwendig, um das in hundert Provinzen unterteilte Reich verwalten zu können. Aber je komplizierter die Verwaltung wurde und je mehr der einzelne Bürger von ihr kontrolliert werden sollte, desto gewaltiger schwoll der Apparat an und wurde seinerseits unkontrollierbar. Der Leiter des Amts für kaiserliche Schenkungen hatte fast 850 Beamte unter sich. In der letzten Zeit – so Grant – stieg die Zahl der Beamten ins Ungemessene.

Dies wurde offen angeprangert und war auch den Kaisern in beunruhigender Weise bewußt. Mit zahllosen Gesetzen und Erlassen versuchten sie, diese Entwicklung aufzuhalten. Aber alle ihre Anstrengungen, die Verwaltung wieder stärker zu zentralisieren, um sie der willkürlichen Macht einzelner Beamter zu entziehen und mehr Gerechtigkeit in die Zustände zu bringen, bewirkten das Gegenteil: noch mehr Kontrolle und immer noch mehr Beamte. Die in hysterischer Angst Schlag auf Schlag erlassenen Gesetze, die die allenthalben sichtbar werdenden Mißstände eigentlich beheben sollten, führten, schreibt Grant, zu einem "erschreckenden und ständig zunehmenden Verlust an persönlicher Freiheit für alle, mit Ausnahme der sehr Reichen und Mächtigen".

Gegen die Beamten war so gut wie nichts zu machen, weil sie unkündbar waren, ja ihre Posten waren sogar erblich! Diese Privilegien hatten sie sich erkämpft, zum Ausgleich dafür, daß sie nicht gut bezahlt wurden. Ihre mäßige Besoldung in unerschütterlich gesicherter Stellung hatte fatale Folgen: Die meisten Beamten waren korrupt und ließen sich bestechen. "Sogar pensionierte Beamte schlugen noch Kapital aus ihrer Stellung", sagt Grant. Und ein Schriftsteller des 4. Jahrhunderts: "Hatten sie einmal ein Amt innegehabt, hatten sie das Privileg, auch weiterhin ihre Mitmenschen zu berauben."

Der alles reglementierende Bürokratismus, dem sich letztlich nur wenige mit Hilfe von Bestechungen entziehen konnten, machte das Römische Reich für die Masse zu einem Militärlager, zu einem Gefängnis. Das führte bei seinen Bürgern zu einer folgenschweren Staatsverdrossenheit und dazu, daß immer mehr Menschen eigene Wege gingen und zu Außenseitern der Gesellschaft wurden und sich, wenn möglich, dem Staat entzogen, etwa indem sie sich dem Asketentum zuwandten, dem kontemplativen Leben fern vom Getriebe der Welt, das im Verlauf von zwei Jahrhunderten zu einer Idealvorstellung geworden war. Auf diese Weise entzog sich ein großer Teil der Christen der Allgemeinheit, was schon Marc Aurel ihnen sehr verübelte.