Werden Großkonzerne die Landwirtschaft der Zukunft kontrollieren?

Von Jost Herbig

Die Symptome sind deutlich genug. Hunderte von Millionen Menschen hungern. In Ländern, in denen schon heute der Hunger herrscht, wächst die Bevölkerung am schnellsten. In den reichen Ländern aber wachsen die Ansprüche. Ein erheblicher Teil des Luxuskonsums wird aus Hungerländern importiert. Bis zur Jahrtausendwende müssen weitere zwei Milliarden Menschen mit ernährt werden.

Mehr Menschen – mehr Nahrung. Eine konsequente Forderung. Doch die herkömmlichen Rezepte zur Steigerung der Nahrungsproduktion versagen. Die fruchtbarsten Böden sind erschlossen. Erosion, Verkarstung, das Vordringen der Wüsten und eine krebsartig wuchernde Zivilisation vernichten weltweit riesige Ackerflächen. Intensivierte Landwirtschaft, vor allem durch verstärkte künstliche Stickstoffdüngung, scheitert in den ärmeren Ländern an den explosionsartig gestiegenen Kosten für Erdöl und seine Produkte. Und auch die Pflanzenzüchtung, die, neben Agrochemie, etwa zur Hälfte zu den eindrucksvollen Ertragssteigerungen der Vergangenheit beigetragen hat, scheint auf Grenzen zu stoßen. Das genetische Ertragspotential etwa der am weitesten entwickelten Weizen- und Kartoffelsorten ist, wie unlängst das amerikanische Office for Technology Assessment in einer Studie für den Kongreß feststellte, weitgehend ausgeschöpft.

Die Zeichen stehen auf Sturm. Lawinenartig wächst die Zahl der Menschen, für die Nahrung zur Mangelware wird. Wer die technischen Ressourcen zur Steigerung der Nahrungsproduktion kontrolliert, gewinnt Macht über das Schicksal großer Teile der Menschheit. „Tier- und Pflanzenzüchtung sind in einem weltweiten erbitterten Kampf von strategischer Bedeutung“, berichten drei französische Biologen, François Gros, Pierre Royer und der Nobelpreisträger François Jacob, in einer Studie über die medizinisch-technischen Anwendungsmöglichkeiten biologischer Forschung.

Genetische Technik und Zellbiologie versprechen nun einen Ausweg. Innerhalb weniger Jahrzehnte, können sie die Pflanzen, von denen die Menschheit lebt, gründlicher umkonstruieren als dies in Jahrtausenden züchterischer Verbesserung seit Entwicklung der Landwirtschaft geschah. Und wo akuter Mangel in Verbindung mit revolutionären Techniken zur Grundlage neuer wirtschaftlichen Wachstumsmöglichkeiten wird, fehlt es in der Regel nicht an Risikokapital. „Wir meinen, daß Nahrung für die neunziger Jahre das bedeuten wird, was Energie für die siebziger und achtziger gewesen ist“, resümiert der Präsident des amerikanischen Ölkonzerns Occidental Petroleum, Robert Abboud, in einer Studie über die Zukunftsperspektive seines Unternehmens.

Die wissenschaftlichen Fundamente der gentechnischen Pflanzenzüchtung werden heute jedoch an Instituten der öffentlich finanzierten Forschung und an Hochschulen gelegt, in der Bundesrepublik vor allem bei der Max-Planck-Gesellschaft. Im Vergleich zu dem Reklamerummel und der Geschäftstüchtigkeit, mit der führende Molekularbiologen ihre gentechnisch umkonstruierten Bakterienstämme vermarkten (siehe „Das Geschäft mit den Genen“, ZEIT Nr. 35), wird auf dem Gebiet der Pflanzengenetik hoch mit sympathischer wissenschaftlicher Zurückhaltung geforscht und publiziert. Dabei ist dieser Bereich der Gentechnik nicht minder faszinierend – und der Nutzen könnte weitaus größer sein.