Ein Treffen in Princeton und seine Vorgeschichte

Von Nina Grunenberg

Über Glücksfälle zwischen Deutschen und Amerikanern zu reden, ist derzeit nicht in Mode. Mißvergnügen trübt das Bild, Mißverständnisse verzerren es. Um dem traurigen Befund auch den letzten barmherzigen Zweifel zu rauben, faßte eine Amerikanerin, die kürzlich beim Abschiedsessen für ein deutsch-amerikanisches Wissenschaftlertreffen in Princeton die Tischrede zu halten hatte, die atlantische Lage in dem herben Satz zusammen: "In the moment we are out of sympathy" (von Sympathie kann im Augenblick zwischen uns nicht die Rede sein).

Vielleicht hatte die Rednerin, eine ehemalige Assistentin des Publizisten Walter Lippmann und heutige Direktorin des American Council on Germany, aber im Mahlstrom des politischen Lebens nur ein wenig aus dem Auge verloren, daß zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen auch noch andere Bereiche beitragen. Was die Wissenschaftler betraf, so hatten sie jedenfalls gerade noch das Gegenteil ihres Statements für wahr ge- – halten.

Ihr Treffen war von der Alexander von Humboldt-Stiftung gemeinsam mit dem Institute for Advanced Study in Princeton veranstaltet worden. Eingeladen waren jene amerikanischen Wissenschaftler, die als Träger des Humboldt-Preises im Laufe der letzten acht Jahre deutsche Institute für längere Zeit von innen erlebt und in ihnen gearbeitet hatten, viele zum erstenmal. Bei der Wiederbegegnung im berühmten akademischen Ambiente von Princeton war die "wissenschaftliche Inspiration zwischen den Nationen", wie es der Mathematiker Freeman Dyson formulierte, in einer Weise deutlich geworden, die über bloße Sympathiekundgebungen weit hinausging. Obwohl sie gewohnt sind, miteinander ungezwungen umzugehen, empfanden die deutschen wie die amerikanischen Wissenschaftler die Tage in Princeton als besonderen Glücksfall. Er war nicht aus Zufall entstanden. Vielmehr geht er auf einen Einfall zurück, der intelligenter ist und mehr Fingerspitzengefühl verrät, als den Deutschen auf internationalem Feld eigentlich zugetraut wird.

Die Geschichte des Humboldt-Preises beginnt mit einem Dank. Willy Brandt stattete ihn 1972 aus Anlaß des 25. Jahrestages der Ankündigung des Europäischen Wiederaufbauprogramms durch den amerikanischen Außenminister George Marshall (Marshall-Plan) während einer Feierstunde in der Harvard-Universität ab. "Als Ausdruck unserer besonderen Dankbarkeit für die Entscheidung, uns vor 25 Jahren nicht auszuschließen", überbrachte er den Amerikanern damals einige Geschenke. Das teuerste davon war ein Fonds in Höhe von 150 Millionen Mark, mit dem in den Vereinigten Staaten ein deutscher "Marshall-Fonds" gestiftet wurde. Seine Aktivitäten sind ganz in amerikanischen Händen. Neben weiteren drei Millionen Mark für das Institute of West European Studies in Harvard wurden auch die Mittel des Fulbright-Programms aufgestockt, ein Stipendium, dem viele junge Deutsche nach dem Kriege ihre erste Amerika-Erfahrung verdanken. Das Austauschprogramm wird inzwischen zu 80 Prozent von deutscher Seite finanziert.

Ganz zum Schluß versprach Willy Brandt noch ein Förderungsprogramm für den Austausch hochqualifizierter amerikanischer Wissenschaftler, für das die Bundesregierung jährlich fünf Millionen Mark bereitstellen wolle. Noch in letzter Minute war diese "Aufmerksamkeit" ins Reisegepäck gesteckt worden. Bewerkstelligt hatte das der damalige Forschungsminister Hans Leussink mit Hilfe von Alex Möller, zu. jener Zeit Finanzminister. "In dem Selfmademan Alex Möller" – so Leussink, der heute zum Vorstand der Humboldt-Stiftung gehört – "hatte die Wissenschaft jemanden gefunden, der, ohne je selber eine Universität besucht zu haben, den wissenschaftlichen Austausch keinen Luxus fand und die notwendigen Millionen dafür nicht nur versprach, sondern auch in den Haushalt schrieb." Mit Alex Möllers Einverständnis wurden die Stipendien außerdem noch zu "Preisen" deklariert. Das machte sie steuerfrei. Erst so wurden sie auch für jene international anerkannten Koryphäen attraktiv, die die Deutschen als Preisträger im Auge hatten und für ein kostbares Jahr in ihre Institute locken wollten. Heute ist ein Humboldt-Preis runde 100 000 Mark wert. Bislang wurden 751 Amerikaner damit ausgezeichnet. Inzwischen wurde auch der amerikanische Fiskus dazu überredet, die Steuerfreiheit des Preises zu akzeptieren.