Daidalos war so ein richtiger alter Grieche: Erst ermordete er aus niedrigen Beweggründen seinen Neffen, dann floh er nach Kreta, baute dem König Minos dort das Labyrinth und dessen Frau eine täuschend echt aussehende Kuh, in deren Gestalt sie vom angehimmelten Stier den Minotauros empfing; der Minos-Tochter Ariadne hat er auch zu dem berühmten Knäuel geraten, mit dessen Hilfe Vaters Geisel Theseus aus dem Labyrinth fand; Das wiederum machte es Daidalos (und Ikaros, seinem Sohn, man weiß, was da geschah) notwendig, mit gebastelten Flügeln nach Sizilien zu fliehen.

Daidalos heißt die neueste deutsche Architekturzeitschrift. Ihr Signet ist das Labyrinth, natürlich. Sie wird – verantwortet von Ulrich Conrads, dem Chefredakteur der Wochenzeitschrift Bauwelt und dem Editor der Bücherreihe Bauwelt-Fundamente – herausgegeben von der Journalistin Anna Teut und drei Herren verschiedener Profession. Das sind der der Musik zugetane Literatur-Professor Norbert Miller, der Kunsthistoriker Werner Oechslin und der sprachgewandte Architekt Bernhard Schneider. Die Vierteljahreszeitschrift, deren erste Nummer soeben (zum Preise von 36 Mark) erschienen ist, hat mancherlei Eigenheiten, die vor allem durch den Beweggrund ihrer Veröffentlichung erklärt werden.

Sie erscheint, das ist ungewöhnlich, Wort für Wort in zwei Sprachen, auf deutsch und englisch nebeneinander, und darum nennt sie sich im Untertitel „Berlin Archhitectural Journal“. cm liegt die von vielen gemachte, einigermaßen deprimierende Erfahrung zugrunde, daß deutsche Architektur und deutsche Architekten im Ausland, vor allem auf dem amerikanischen Kontinent, wo die Richtungs-Diskussionen am emsigsten betrieben werden, so gut wie unbekannt sind. Selbst der berühmte alte Architekt Philip Johnson, des Deutschen hervorragend mächtig, war nur imstande, drei, vier Namen zu nennen, und auf die Frage nach dem bekanntesten Kollegen in der Bundesrepublik hat er vor ein paar Jahren mit dem Gag geantwortet: James Stirling – der ein Engländer ist, aber mehr als alle von sich reden macht bei uns. Das Ansinnen heißt also: mitreden, sich ins Gespräch bringen.

Thema der Zeitschrift kann alles sein, was in den anderen Architektur-Periodika zu kurz kommt. Es geht dem interdisziplinären Herausgeber-Quartett also nicht darum, die allerneuesten Bauten zu präsentieren (das tun die Japaner schon) und die verwegenste Debatte darüber in Gang zu bringen (das geschieht in Italien, England und Amerika), sondern sich viel mehr um das erst Gedachte, Projektierte zu kümmern, dargestellt also nicht in Photographien, sondern in der eigentlichen Sprache der Architekten, in Zeichnungen und Modellen. Und da sich Daidalos gleichermaßen an den Verstand wie an die Sinne wendet, ist das Papier gut und teuer und der Druck betont sorgfältig.

Die in aller Welt vertriebene Zeitschrift wird nur in dreitausend Exemplaren gedruckt – auch um ihr damit etwas Kostbares zu geben. Sie will, Heft für Heft, „ein Versuch sein“.

Der erste Versuch gilt dem Thema der dreidimensionalen Darstellung von Architektur, genauer: der perspektivischen (auf den Betrachter bezogenen) und der axonometrischen (sich demgegenüber nicht verjüngenden, den Gegenstand in Parallelen leicht verzerrenden) Zeichnung. Mit diesem Gegensatz wird weidlich und in zum Teil genußreich formulierten Essays (besonders von Bruno Reichlin, Bernhard Schneider und Yve-Alain Bois) intelligent gespielt.

Daneben gibt es knochentrockene Erörterungen in Wissenschaftlerdeutsch, auch Hinweise in einer wohl dem Debüt-Lampenfieber zuzuschreibenden verkrampften Ausdrucksweise, in der höchst einfache Dinge verdreht werden (und die das Englisch nebenan als das bessere Deutsch erscheinen läßt). Und der Gebrauch nicht übersetzter lateinischer Zitate sowie von Namen ohne Erklärung deutet darauf hin, daß Daidalos eine sehr gebildete Zeitschrift für sehr gebildete Architekten sein will, die die lässig genannten Namen Bachelard und Nerval nicht erst im Brockhaus aufsuchen müssen.

Dieser hochmütig-kokette Zug der ersten Nummer wird selbstverständlich keinen neugierigen Architekten (und niemanden, der ihre Arbeit verfolgt) davon abbringen, sich den anregenden Luxus alle Vierteljahre zu leisten. Immerhin haben einige Beiträge dieses „Berlin Journal“ etwas, was Fachleute-Überlegungen bei uns ja selten auszeichnet: Witz. Manfred Sack