ARD, Sonntag, 27. September, 21.05 Uhr: „Im Lauf der Zeit“

Ein Mann erwacht in seinem Lkw aus dem Schlaf. Ein anderer Mann rast mit seinem VW-Käfer in den Fluß, an dessen Ufer der Lkw gerade parkt. Der eine sieht die Raserei und lacht über das, was er sieht. Der andere ist mit sich selbst beschäftigt, er ist mürrisch, fast wütend, aber er schwimmt an Land. Zwei Männer begegnen sich, irgendwo in Deutschland. Der eine reicht dem anderen ein Handtuch, dann noch eine Tasse Kaffee. Also nimmt der andere auch die trockenen Kleider.

Der eine Mann repariert Vorführmaschinen in den abgelegenen Kinos der Provinz. In seinem Lkw transportiert er allerlei Krimskrams, den er nicht nur besitzt, um damit seine Reparaturen auszuführen: Kinolautsprecher, Projektorenteile, eine Musikbox. Der andere Mann ist mit sich selbst beschäftigt. Aber er weiß nicht, wo er hinwill. Da singt der eine gerade, als sie dabei sind, sich zu trennen: „When the train comes in the Station...“ und der andere fährt fort: .. with a suitcase in my hand.“ Also bleiben sie zusammen. Zwei Manner reisen durch Deutschland, im Lkw von Provinzkino zu Provinzkino, irgendwo entlang der deutsch-deutschen Grenze.

Eine Reise und wie dadurch Geschichten in Gang kommen: das ist ein alter Kino-Topos. Das rührt von der gegenseitigen Affinität her. Schließlich ist jede Reise auch Kino. Wie jedes Kino-Erlebnis auch eine Reise ist. Seit Jahrhunderten schon gibt es Kino-Süchtige. Das sind die, die ihre Erlebnisse und ihre Erfahrungen machen, indem sie sich bewegen: die Reisesüchtigen. Erst seitdem es das Kino gibt, überlassen sie die Welt den anderen, den Touristen. Bei Reisesüchtigen fällt das Äußere mit dem Inneren zusammen. Es geht um Bewegung: um Motion und Emotion. Also um Kino.

Wo das Äußere mit dem Inneren zusammenfällt, bedarf es nur weniger Worte. Doch selbst die wenigen Worte nützen kaum zur Kommunikation. Eher sind sie Versuche dazu, erste Ansätze, erneute Anfänge. „Im Lauf der Zeit“ ist ein wortkarger Film. Von Wim Wenders. Als die beiden Männer schließlich Worte benutzen, um miteinander zu sprechen, trennen sie sich. Es ist alles gesagt, wenn man Worte benötigt, um etwas zu sagen.

Wenders selber schreibt: „Wir wollten möglichst tiefe, scharfe, kontrastreiche Bilder haben (...) Dafür mußte man manchmal ganz schön viel Licht machen. Auch bei den Außenaufnahmen haben wir, wann immer es ging, Blenden oder Lampen eingesetzt. Es sollte um alles in der Welt nicht aussehen wie ein Dokumentarfilm .. Und: „Wenn ich an die Geschichte gedacht habe, dann eigentlich immer nur in Schwarzweiß. Das hatte viel mit dem Lkw zu tun, der in Farbe so etwas Exotisches hätte kriegen können (...) Ich finde Schwarzweiß realistischer als Farbe. Schwarzweiß kann farbig sein und Farbe ‚Schwarzweiß-Malerei‘.“

„Im Lauf der Zeit“, das sind auch die langen Wege zurück nach Hause. Und die langen Wege zu einer Frau.