Von Christa Dericum

In ungewissen Zeiten sucht der Mensch Bestätigung in der Vergangenheit, Das ist eine alte Erfahrung. Auch die Ungewißheit der Zukunft Europas lenkt den Blick auf das vergangene Europa, auf Anfänge und Hoffnungen. Als Angelpunkt europäischer Geschichte erscheint dabei das 15. Jahrhundert.

Der Historiker Hermann Heimpel hat das 15. Jahrhundert eine Zeit der „Unentschiedenheit“ genannt. Soziale Unruhen standen bevor, die Reformation bahnte sich an, Entdeckungen neuer Kontinente und Erweiterung des Weltbildes wirkten sich auf die politischen Konstellationen aus, deren Logik schwer durchschaubar schien. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern brachte Ideen und Nachrichten unters Volk. Man sollte meinen, die Neuzeit zeige sich entschieden an.

Sie tat es nicht. Jene merkwürdige „Unentschiedenheit“, von der Heimpel sprach, die Stagnation, die Müdigkeit, der Aufschub längst fälliger Entscheidungen, ging erst im 16. Jahrhundert in vorwärtstreibende Geschehnisse über – in Konfrontation, wie Luthers Protest und die Reaktion von Papst und Kaiser zeigten, in Krieg auf Leben und Tod, wie die Aufständischen des Bauernkriegs erfuhren, in machtpolitische Demonstrationen des beginnenden Absolutismus.

Aber was lag vor dem Jahrhundert der „Unentschiedenheit“? Wie hat sich angebahnt, was sich später so verhängnisvoll entschied? Warum vor allem die spürbare Diskontinuität in der Geschichte Europas? Diesen Fragen geht der Mediaevist Karl Bosl nach, in einem der gründlichsten und fesselndsten Bücher, die über das europäische Mittelalter in letzter Zeit geschrieben wurden:

Karl Bosl: „Europa im Aufbruch. Herrschaft, Gesellschaft, Kultur vom 10. bis zum 14. Jahrhundert“; Verlag C. H. Beck, München 1980, 419 S., 68,– DM.

Man stelle sich vor: In dem Moment, da die seit undenklichen Zeiten als Plage empfundenen Einfälle fremder Völker, Magyaren, Sarazenen und anderer, endlich aufhören, machen sich die Menschen der vormals bedrohten Gebiete selber auf. Sie pilgern ins Heilige Land, sie ziehen nach Osten, sie gehen nach Italien, reisen hierhin und dorthin, jahrelang unterwegs, wie wenn Seßhaftigkeit beunruhige. Aber die Lebhaftigkeit auf Pilger- und Handelswegen begünstigt ständige Niederlassungen: Städte und Klöster entstehen, wichtige Stationen für die Reisenden, offen für Märkte und Geschäfte. Mittelmeer und Nordsee rücken einander näher, aber auch Ostsee und Atlantik.