Von Hans Schueler

Auf dem Feldherrnhügel südlich von Meßstetten in der Schwäbischen Alb herrschte, ein buntes Gewimmel: goldbetreßte Uniformen quer durch das Farbenspektrum, breite Ordensbrüste und darüber alle nur erdenklichen Kopfbedeckungen vom schlichten Käppi oder Barett über gewaltige Schirmmützen bis zum elegant geschlungenen Turban. Militärattache, Generale und Obristen aus rund dreißig Ländern aller Erdteile gaben dem Bundeswehrmanöver „Scharfe Klinge“ im Herbst 1981 etwas vom Glanz längst vergangener Zeiten, Die deutsche Generalität nahm sich dagegen aus wie eine Altherrenriege, die verblichene Nato-Kampfanzüge aus dem nächsten Depot entliehen hat, um den Bundespräsidenten ein Stück weit auf seiner Etappenwanderung durch die Republik zu begleiten.

Aber diesmal wanderte das Staatsoberhaupt nicht. Carstens wollte zuschauen, wie die Soldaten den Ernstfall proben. Angenommene Lage: Ein schwerer Spähtrupp hat die Spitze einer feindlichen Panzerkolonne ausgemacht, die bereits durch die eigenen Linien nach Norden durchgebrochen ist und nun die Albhöhe gewinnen will. Die Spähpanzer fordern einen Schwerin Panzerabwehr-Hubschrauber an, der dem Gegner den Weg verlegen soll. Im „Konturenflug“ schleichen sieben Bölkow 105 durchs Gelände und beziehen hinter Baumgruppen und in Waldschneisen ihre Lauerstellung. Jede der Maschinen führt sechs Panzerabwehrraketen „Hot“ mit sich, drahtgelenkte Geschosse, mit denen Panzer bis auf 4000 Meter Entfernung – außerhalb der Reichweite ihrer eigenen Kanonen – bekämpft werden können.

Jetzt tauchen auf der Anhöhe jenseits des Tals die ersten stählernen Kolosse auf. Während sie noch sichernd verhalten, erhebt sich einer der Hubschrauber knapp über die Baumwipfel und feuert. Etwa zehn Sekunden später zerplatzt über dem Führungspanzer ein Farbbeutel und entläßt eine organgefarbene Wolke in die Luft; Abschuß. Das geht noch ein paarmal so, dann melden einige der Hubschrauber „verschossen“ und alle den zur Neige gehenden Kraftstoffvorrat. Ihr Sprechfunkverkehr kann von den Beobachtern Über Lautsprecher mitgehört werden; zum Schluß brausen die sieben in elegantem Aufschwung über den Hügel und fliegen, nach Hause.

Der Übungsteil „Panzerabwehr der Luft“ war für die ausländischen Manövergäste besonders interessant, weil die Bundeswehr den PAH 1 (ein Panzerabwehr-Hubschrauber der ersten Generation) in diesem Jahr erstmals bei einem Großmanöver eingesetzt hat. Seine Überlebenschance ist statistisch 10 zu 1. Das heißt, er kann zehn gegnerische Panzer abschießen, ehe er selbst getroffen wird. Zugleich hält die Führung aber auch mit dem Hinweis auf die Grenzen des neuen Waffensystems nicht hinter dem Berg: Der PAH 1 kann nur bei Tage und nur gegen durchgebrochene Panzer hinter der eigenen Front kämpfen, weil er selbst ungepanzert und nicht blindflugfähig ist.

An der Korpsgefechtsübung „Scharfe Klinge“ nahmen rund 48 000 Soldaten teil, überwiegend Angehörige des II. Korps.– eines von insgesamt drei Korps, aus denen das Feldheer der Bundeswehr besteht –, aber auch eine aus Fort Riley in Kansas eingeflogene US-Brigade mit 3600 Mann, 3500 Soldaten der 4. kanadischen mechanisierten Brigade aus Lahr im Schwarzwald und – erstmals in diesem Umfang – 3000 Reservisten des Heimatschutzkommandos (Territorialheer) zur Unterstützung der Übungstruppe BLAU, die in der Manöveranlage den „Westpakt“ verkörperte. 10 000 Radfahrzeuge und 3000 Kettenfahrzeuge, darunter 600 Kampfpanzer und 900 Schützenpanzer wurden im Übungsraum zwischen Donau, Schwäbischer. Alb und Schwarzwild bewegt. Die Luftwaffe beteiligte sich an der Heeresübung im Rahmen ihres eigenen Manövers „Cold Fire“ mit vier Jagdbombergeschwadern, einem Aufklärungs- und einem Jagdgeschwader – insgesamt rund 130 Maschinen.