„Karges Leben“, Roman von Graciliano Ramos. Man sollte diesen letzten der vier großen Romane des brillantesten brasilianischen Stilisten nach Machado de Assis wenigstens einmal laut lesen. Nur so vergißt man, daß in diesem Schlüsselwerk des modernismo eigentlich kaum etwas geschieht, und daß die Unruhe, ja die Angst, die den Leser zunehmend erfaßt, aus der zeitlosen Dämonie oppressiver Leere, Einsamkeit und Trostlosigkeit erwächst, die Ramos (1892–1953) hier mit knappsten sprachlichen Mitteln emotionslos in einer Art Litanei vom Urelend der Menschheit heraufbeschwört. Die aus harten geographischen Momentaufnahmen und psychologischen Miniaturen szenisch scheinbar zusammenhanglos komponierte Geschichte einer zwangsweise nomadisierenden Hirtenfamilie aus dem Sertão (dem öden, regenarmen, ausgehungerten Nordosten Brasiliens, aus dem der Autor selbst stammte), erscheint dann keineswegs mehr nur als die regional verankerte Odyssee einiger land- und damit rechtloser Menschen: Von den Großgrundbesitzern gedemütigt, von den Kaufleuten in der Stadt als im doppelten Sinne Minderbemittelte betrogen und von einer zynischen Miliz entwürdigt, besteht für Fabiano, seine Frau Vitória und ihre beiden Söhne die Chance zur Selbstachtung allein im Überlebenskampf während der fürchterlichen Dürrekatastrophen. So wird das feindliche Steppengebiet mit seiner toten Vegetation, das die Existenz dieser universalen Figuren getretenen Lebens auf so beklemmende Weise als Fast-Nichts determiniert zum Symbol der Urwüste, der nur die Hoffnung eine andere Dimension entgegenzusetzen vermag: „Der Weg führte sie vorwärts. Sie würden in ein niegesehenes Land kommen. Fabiano glaubte an dieses Land, von dem er sich nicht vorstellen konnte, wie es aussehen, noch wo es sein sollte. Sie wanderten gen Süden. Von ihren Träumen begleitet“. (Aus dem Brasilianischen von Willy Keller; st 667, Suhrkamp, Frankfurt, 1981; 146 S., 6,– DM.) Ute Stempel

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„Überleben – Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage“, von Margrit Baur. Eine Frau, bald 40, Schweizerin, Zeitungskorrektorin, versucht, ihrem „Befinden Sprache zu geben“, verordnet sich einen diesen Text als „Anstrengung“, als „tägliche Hürde“. Dabei entstehen immer wieder genaue, kühle Sätze über die alltägliche Leere einer alleinlebenden Frau, die einem ungeliebten Beruf nachgehen muß, ohne Hoffnung auf Veränderung: „Wenn es gelingt, die Tage einigermaßen zusammenzuhalten, wird schließlich ein Leben daraus.“ – „Seit Tagen habe ich mich auf nichts mehr gefreut.“ Trotzdem reicht das „Ich allein und nur ich“ hier als Thema nicht aus; denn daß die von berufswegen mit fremden Wörtern vollgestopfte Autorin sich erst auf die Suche machen muß nach eigenen, um gegen die Hoffnungslosigkeit anzuschreiben, gleicht den Mangel einer Geschichte in dieser Geschichte nicht aus. Am Ende ist die Leserin ebenso müde und angestrengt wie die Verfasserin und liest den Text als „tägliche Hürde“. (Suhrkamp Verlag, Zürich und Frankfurt, 1981; 179 S., 17,80 DM) Manuela Reichart

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„Lieder von Theodorakis in deutscher Sprache“, herausgegeben von Christiane Woelky. Längst schon hätte man sich so etwas wie ein Theodorakis-Liederbuch auf deutsch gewünscht; zumal die Textvermittlung auf den meisten hier erhältlichen Platten fehlt und auch bei den Konzerten ausbleibt oder zum wahren Desaster gerät. Die Herausgeberin und Übersetzerin hat sich also ein begrüßenswertes Projekt vorgenommen und es damit sicher gutgemeint. Leider ist mehr als Gutgemeintes nicht herausgekommen. Die hochkarätige Poesie eines Ritsos, Seferis, Anagnostakis, Elytis, Sikelianos zu deutschen Schlotterversen zu verstümmeln, deren schlechtes Deutsch mit Dichtung wenig und der Poetologie der griechischen Originale noch weniger zu tun hat – damit ist niemandem gedient von den reichlichen Übersetzungsfehlern nicht zu reden. Viele Schnitzer waren schon in der zuvor erschienenen Broschüre derselben Herausgeberin zu finden: „Theodorakis – Lieder griechisch-deutsch (Christiane Woelky, Backhausstraße 17, 4401 Albersloh, 1980; 64 S., 8,– DM.) Armin Kerker