Berlin: „Berlin zwischen 1789 und 1848 – Facetten einer Epoche,“

Die Ausstellung in der Akademie, die von der Intention her mit dem Preußen-Jahr nichts zu tun hat (sie entstand auf Anregung des Akademie-Mitglieds Werner Hofmann, der vor Jahren die Idee seines Hamburger Ausstellungszyklus „Kunst um 1800“ denBerlinern zur modifizierten Eigenerprobung empfahl), ist unfreiwillig eine oft hervorragende Ergänzung der Preußen-Veranstaltungen. Wo die große Preußen-Ausstellung im Gropius-Bau, der „Versuch einer Bilanz“ beim Eilmarsch durch die Jahrhunderte gelegentlich fast im Papier-Kommentar versackt und ins für eine historische Ausstellung besonders ungeeignete ahistorische Pamphlet ausrutscht; wo die von Marie-Luise Plessen und Daniel Spoerri mit Fleiß gesammelten und mit Akribie kommentierten Kuriositäten im „Musée sentimental de Prusse“ gelegentlich solche Trouvaillen sind, daß diese zweite Ausstellung gar nicht so sehr Kontrastpunkt als vielmehr eine Fortsetzung der ersten ist: da sind diese „Facetten“ aus der am äußersten Rande Preußens gelegenen Hauptstadt eine nützliche Ergänzung zum Thema. Auch hier gibt es viel zu lesen, aber die Dokumente, Briefe und Texte aus einem relativ knappen Zeitraum und einer bewegten Zeit haben die Authentizität des Eigenlebens, sie ergänzen das sparsame und aus einer sparsamen Zeit stammende Mobiliar, die Porträts und Stadtansichten zu einem lebendigen Mosaik. Zwischen den Fixpunkten der deutschen Aufklärung im Gefolge der Französischen Revolution und der deutschen mißlungenen Revolution entfaltet sich ein Panorama hauptstädtischen Lebens, das vom realen Alltag des Biedermeier bis zum spekulativen Gedankengebäude Hegels immer auch jenen Hauch von Nüchternheit hat, der in diesen Breitengraden selbst die Emphase kennzeichnet. Die Ausstellung, die literarisches, musikalisches und gesellschaftliches Leben, die neugegründete Universität und Akademie in ihren Eigenheiten und Zielen verfolgt (die literarischen Salons waren ebenso eine Berliner Eigenart wie die Singakademie und der Klassizismus) gewinnt durch das Kapital „Luisenstadt“ (ein aus dem Boden gestampftes Stück Stadt-Umland für das Handwerk und erste Industrieunternehmen) eine zusätzliche Dimension, verliert allerdings auch an thematischer Spannung. Dadurch, daß die Revolution hinter das große Luisenstadt-Kapitel gehängt wird, wird die Fallhöhe zwischen den Jahreszahlen 1789 und 1848 verwischt: 1848 ging nicht nur eine Revolution in Berlin schief, hier lag auch der Anfang vom Ende des gerade zur Blüte kommenden Preußen. (Akademie der Künste bis zum 1. November, Katalog 34 Mark.) Petra Kipphoff

Düsseldorf: „Tom! Ungerer“

Nach seiner in Paris gestarteten und nun in Düsseldorf präsentierten großen Retrospektive werde er für lange Zeit untertauchen, arbeiten und keine Interviews mehr geben, ließ Tomi Ungerer jetzt seine Bewunderer im „Stern“ wissen. Daß man in den nächsten Jahren nichts mehr von ihm hören wird, ist allerdings nicht zu befürchten. In dem ansonsten wenig informativen Ausstellungskatalog, der zwar nicht die bisherigen Ausstellungen des Zeichners, dafür aber seine Talkshow-Auftritte gewissenhaft registriert, wird schon fürs kommende Frühjahr das nächste Ungerer-Buch angekündigt – „Das Kamasutra der Frösche“. Daß Tomi Ungerer gewiß einer der rührigsten Künstler der Gegenwart ist, belegt nicht nur die Düsseldorfer Veranstaltung mit rund vierhundert Zeichnungen, Skulpturen und Plakaten: Im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover sind zur gleichen Zeit noch einmal dreihundert Cartoons des 1931 in Straßburg geborenen Artisten zu sehen. Weniger wäre jedoch, zumindest in Düsseldorf, möglicherweise mehr gewesen: der große Ausstellungsraum des Kunstvereins scheint überzuquellen, ein Gefühl der Enge stellt sich angesichts der Bilderflut ein, keine Spannung. Dabei könnte das ja durchaus spannend sein: liebevoll-naive „Liederbuch“-Illustrationen aus den siebziger und bissige „Partie-Karikaturen aus den sechziger Jahren, Ungerers scharfe und noch immer treffende Auseinandersetzung mit dem American way of life und seine naturalistische Darstellung friedlichen Landlebens in Kanada und Irland, oder die Begegnung des politisch engagierten Plakatkünstlers, der gegen Vietnam und Rassendiskriminierung kämpft, mit dem Werbegraphiker, der auch schon mal ein Blatt für Erbsenwerbung und Stärkungsmittel gibt – die Entwicklung eines virtuosen Zeichners, der einst seine Umgebung unerbittlich sezierte und nicht nur im übertragenen Sinn bis auf die Knochen bloßlegte, Verletzungen, Neurosen, Obsessionen aggressiv ins Blickfeld rückte, und der sich heute unter anderem als Chronist trauten Familienlebens präsentiert, die schwangere Ehefrau, die spielenden Kinder und diversen Haustiere in der Art lieblicher Abziehbilder porträtiert. Was den Anblick dieser neueren Arbeiten oft so traurig macht: daß sie nichts wirklich Eigenes mehr spiegeln– aber vielleicht führt der angekündigte Rückzug Tomi Ungerer jetzt auch zurück zur eigenen (Zeichen-)Sprache, zu den eigenen Widersprüchen und Brüchen auch, die allemal aufregender und anregender sind als die austauschbaren Glanzpapierbilder aus zweiter Hand. (Kunstverein bis 8. November, anschließend in München und Hamburg, Katalog 27 Mark). Raimund Hoghe

Wichtige Ausstellungen –

Berlin: „Preußen – Versuch einer Bilanz“ (Martin-Gropius-Bau bis 15. 11., Katalog-Kassette, 5bändig, 45 Mark)

Bruchsal: „Barock in Baden-Württemberg“ (Schloß Bruchsal bis 25. 10., Katalog, 2bändig, 48 Mark)