„Eine florentinische Tragödie“ und „Der Geburtstag der Infantin“ in Hamburg

Von Heinz Josef Herbort

Die rücksichtsloseste Formulierung spricht von „zu Recht vergessenen Meisterwerken“ – die trostreichste soll von Arnold Schönberg stammen: „Zemlinsky kann warten.“ Vielleicht ist auch dies Paradoxon erwähnenswert: 1894 begegnet der damals Dreiundzwanzigjährige Arnold Schönberg; zwei Jahre später wird er mit Johannes Brahms bekannt gemacht.

Vor vier Jahren machte der Wiener Musikologe Horst Weber auf eine Fülle merkwürdiger Techniken in von ihm untersuchten Kompositionen aufmerksam. Da werden etwa normalerweise, wie schon bei Richard Wagner, für ganz bestimmte Personen, Verhaltensweisen, Empfindungen musikalische Chiffren, Leitmotive gefunden, in ein Raster eingesetzt und so zu einem dramaturgischen Netz verknüpft, daß der Handlungsablauf eine musikalische Parallele erhält, sich in ihr spiegelt. Plötzlich aber scheinen die Korrelationen nicht mehr zu stimmen: Die Chiffren erscheinen überhaupt nicht oder an einer „falschen“ Stelle. Oder, umgekehrt, die Personen, Verhaltensweisen, Empfindungen werden in verschiedenen Stadien durch unterschiedliche musikalische Formeln „übersetzt“, die gelegentlich sogar gleichzeitig auftauchen können, sich überlagern, kommentieren, interpretieren.

Schließlich: Während einer der Schüler in einer scheinbar völlig obsolet gewordenen ästhetischen Situation sich nach vorn flüchtet und auf dem (Um-)Weg über eine freie Atonalität ein unser gesamtes musikalisches Ordnungsgefüge umstoßendes neues System, die Zwölftontechnik, entwickelt, kann ein anderer das lernend Erworbene müheloser anwenden, indem er für Bette Davis-Filme dramatische Schmonzetten schreibt.

Wahrscheinlich aber kommt der Komponist Wolfgang Rihm der doppelten Wahrheit über den Komponisten Alexander (von) Zemlinsky doppelsinnig am nächsten: „Der Übergang, das Vorübergehende ist die Konstitution dieser Musik.“

Alexander Zemlinsky: 1871 in Wien geboren, 1900 Theaterleiter in Wien, 1906 Kapellmeister an der Volksoper, 1908 an der Hofoper, über Mannheim und wieder Wien nach Prag, 1911 dort Leiter des Deutschen Landestheaters, 1920 der Deutschen Musikakademie, 1927 Dirigent der Berliner Kroll-Oper, Emigration über Wien nach USA, dort 1942 in Larchmont, New York, gestorben. Sieben Opern, drei Sinfonien, vier Quartette; Kammer- und Klaviermusik; Lieder. Im Schallplattenkatalog so gut wie nichts von ihm, auf den Konzert- und Opernspielplänen überhaupt nichts.