Wer da immer noch meint, die „Justine“ sei ein pornographisches Buch, am besten vom Versandhaus Uhse zu beziehen, sollte einschlägigere Schriften zur Hand nehmen. Denn die Stellen, die hier und da die Protagonistin zum Opfer abseitiger Übungen machen, verschwinden dann im Text, wenn sich das eigentliche Thema, die Polemik gegen die Tugend, einstellt, von der es im Untertitel heißt, sie sei ein Mißgeschick oder rufe das Mißgeschick herbei. Roland Barthes hat einmal festgestellt, daß de Sade ein Maniak des Zählens und der Choreographie gewesen ist. Damit aber hat es nicht sein Bewenden. Vielmehr reitet das Buch eine Attacke nach der anderen gegen die Frömmigkeit und die christliche Moral, die sich, der Form nach, bereits mit der bürgerlichen verschränkt. „Glaube mir, Sophie, der Gott, den du anerkennst, ist nichts anderes als die Frucht der Ungewissenheit einerseits und der Tyrannei andererseits; als der Stärkere sich anschickte, den Schwächeren in Ketten zu legen, da redete er ihm ein, Gott heilige die Eisen, mit denen er ihn beschwerte. Und der Schwächere, durch sein Elend verdummt, glaubte alles, was der andere wollte. Alle Religionen... sollten also ... nur auf Verachtung stoßen; nicht eine einzige gibt es, welche nicht das Zeichen des Betrugs und der Dummheit trüge.“

Wie früher Voltaire, wie Laclos, zeigt de Sade den Unterschied zwischen dem, was zu denken der Brauch war, und dem, was die täglichen Unternehmungen bestimmte. Nur dreht er den Spieß um: In einer Art Rollenprosa, mit längeren Reden, sei es von Mördern, sei es von Libertins oder Erbschleichern vorgetragen, hebt er die Praxis, so abscheulich sie auch sein mochte, über die eher schäbigen Gedankenflüge Justines. Mehr noch: Sie bemächtigt sich der Gedankenflüge derer, die doch Gesindel heißen sollten, und folglich auch ihrer Amoral. Der homosexuelle Marquis de Bressac will, des Geldes wegen, die eigene Mutter umbringen und versucht, Justine, die im Haus Dienst tut, für den Plan zu gewinnen. Natürlich wehrt sich Justine, worauf ihr der Marquis einen Vortrag über die Nichtigkeit menschlichen Lebens hält. „Was kümmert es die schöpferische Natur, wenn diese Masse Fleisch, die heute eine Frau ist, morgen in der Gestalt von tausend verschiedenen Insekten wiederkehrt? Wagst du denn zu behaupten, daß die Bildung von Individuen, wie wir es sind, der Natur mehr Mühe bereitet als die eines Wurms, und daß sie deswegen an uns ein größeres Interesse nehmen müsse?“

Derartige Exkurse sollen zweierlei unter Beweis stellen: daß die Tugend eine dümmliche Illusion ist unter den Verhältnissen, die nicht so sind, und daß der Glaube an das Böse Berge versetzen kann. Justine zumindest wird in ihrem Tugendstreben andauernd desavouiert: Man bestiehlt sie, man schändet sie, man demütigt sie oder hält sie sich als Zugtier. Juliette hingegen, die Schwester, Hure erst und später Abenteuerin großen Stils, die sich nicht nur dem Laster verschreibt, sondern mit dem Bösen auf mehr als nur vertrauten Fuß steht, bringt es zu Geld und Respektabilität. In ihren Armen stirbt die vom Mißgeschick verfolgte Justine. Und wie in den Hollywoodfilmen aus der Zeit des Hayes Office, läßt de Sade auf den letzten zwei Seiten sich eine niedergeschlagene Juliette zur Tugend bekennen, wie auch ein Nachsatz hurtig behauptet, daß Glück wohne nur im Herzen der Tugend. Aber dieses angeklebte happy ending wirkt nicht nur absurd, es hat, mehr noch, etwas von dem schwarzen Humor an sich, der das Buch durchzieht und die Rollenspiele der Figuren prägt.

(„Justine oder Vom Mißgeschick der Tugend“, Roman, mit einem Essay von Albert Camus, aus dem Französischen von Walter Fritzsche; Reihe: „Die Frau In der Literatur“; UB 30124, Ullstein Verlag, Berlin, 1981; 189 S., 5,80 DM.)

Hans Platschek