Von Detlef Sprickmann Kerkerinck

Yuri ist ein nettes Mädchen, 20 Jahre alt und sehr hübsch. Sie studiert an einer der besseren Universitäten Tokios und hat einen recht lukrativen Nebenverdienst: Sie arbeitet halbtags als Mannequin. Ihr Freund, Junichi, studiert ebenfalls, und wenn nicht, spielt er das keyboard in seiner Band.

Beide bewohnen ein modernes Apartment irgendwo zwischen Shibuya und Roppongi, also da, wo etwas los ist, wo „man“ wohnt, wo auch die lebensnotwendigen Geschäfte mit den Importwaren nahe sind. Man kauft amerikanisches Fleisch am besten bei Kinokuniya, französischen Wein bei Azabu, Kleidung von Yves St. Laurent bei Alpha Cubic und ausländische Schallplatten im Pied-Piper House.

Yuri und Junichi genießen das Leben in einer Welt aus Markenartikeln. Sie kennen weder besondere Höhe- noch Tiefpunkte. Ihr Lebensziel ist es, sich wohl zu fühlen, und dazu kann auch ein Seitensprung Yuris beitragen, wenn Junichi auf Reisen ist. Auf das gute Gefühl kommt es eben an.

Seit Jahresbeginn animieren Yuri und Junichi Hunderttausende junger Japaner zur Nachahmung ihres Lebensstils. Sie sind die Titelhelden des Bestsellers „Nantonaku Kristaru“, zu deutsch etwa „Das gewisse Kristallene in uns“. Autor ist der 25jährige Jurist Yazuo Tanaka. Eine Million Exemplare wurden in den ersten acht Monaten dieses Jahres verkauft. Nur 14 Tage lang schrieb Tanaka an dem Buch. Es hat sich gelohnt: Seinen ersten Job bei „Mobil Oil Japan“ gab er schon nach zwei Monaten wieder auf.

Tanaka-san ist nun eine VIP, eine sehr wichtige Person. In unzähligen Talkshows erläuterte er sein Werk, eine Novelle von nur 148 Seiten, die wenig Handlung enthält, aber um so mehr die Beschreibung und Ausdeutung von Lebensgefühl. Und damit hat er ins Schwarze getroffen. Der Begriff des Kristallenen, den er für die von ihm beschriebene Lebensauffassung, für das von ihm gezeichnete Lebensgefühl wählte, ist seither zum Modewort geworden. „Crystal Cafes“ schießen aus dem Boden, die hübschen Mädchen in den Twen-Zeitschriften heißen „crystal gals“, die junge Generation ist die „crystal generation“, Tokio wurde zur Kristallstadt, die ganze Nation zur Kristallnation. Denn Tanakas „gewisses Kristallenes“ ist nicht etwa nur der gebrochene Glanz jugendlichen Selbstverständnisses, sondern die Sehnsucht auch der Alten.

Wie paßt das zu unserem Bild von der stabilen Organisation japanischen Lebens, den klaren, seit Jahrtausenden festen Strukturen, der Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft, der Hingabe an die Arbeit? Müssen wir unsere Vorstellung von der ganz anderen Art der japanischen Gesellschaft korrigieren? Sind die Japaner nun nach westlichem Vorbild zu egomanen Konsumfetischisten geworden?