Da schreibt die Welt (21. September 1981): „Für die Zivilbevölkerung in der Bundesrepublik gibt es nach Ansicht eines Kongresses von meist linksgerichteten Ärzten bei einem Atomschlag keine Schutzmöglichkeiten und keine Hoffnung auf wirksame ärztliche Hilfe.“ Falsch. Das meinen nicht „meist linksgerichtete Ärzte“; das meinen alle, die über den Atomkrieg nachgedacht haben. Da schlägt die Welt – was sie gar nicht merkt – mal so eben eines der Argumente der Anhänger der Abschreckung tot: Eben weil der Untergang total ist, wird keine Seite den Atomkrieg riskieren; der Gegenschlag würde ja auch den Erstangreifer vernichten.

Zum Kongreß („zur Verhinderung des Atomkrieges“) hatten sich am vorigen Wochenende 1700 meist jüngere Ärzte versammelt; das Auditorium maximum der Universität Hamburg war voll. Sie sahen alle so aus, daß man sich, krank, ihnen anvertrauen möchte: Ärzte, keine Pillenverschreiber. Die Vorträge vermieden Übertreibungen wie die des Arztes Hanauske-Abel und des Physikers Obermair in der ZEIT: daß „atomare Vorsorge nur die Bereitschaft der politisch Verantwortlichen zum tödlichen Risiko erhöhen soll“; daß die Medizin „nicht mehr Schrecken abwenden, sondern offensiv für den (atomaren) Ernstfall gerüstet“ werden soll.

Im Gegenteil: Bastian (der bekannteste Redner), in angenehmen Generals-Kurzton und gutem Deutsch, sagte sogar: Man müsse schon den guten Willen der Bundesregierung unterstellen. Er beanstandete (was das Publikum wohl nicht ganz mitbekam) nicht die Atomrüstung, sondern die Nachrüstung: die (aber nur die) provoziere die Sowjetunion.

So verlief denn alles anders, als nach den reißerischen Anzeigen anzunehmen war, mit denen der Kongreß angekündigt worden war. Glücklicherweise. So sicher wir zur Zeit noch auf die atomare Abschreckung angewiesen sind: Der Versuch, allen Völkern die Schrecken ihres Untergangs vorzuhalten, muß gemacht werden. Vielleicht wird die Botschaft dann auch die Verantwortlichen in der Sowjetunion erreichen. So leisten diese jungen Ärzte uns allen einen Dienst. Denn es ist fast mathematisch sicher, daß das atomare Gleichgewicht. einmal entgleisen muß – in zehn oder in tausend Jahren.

Daß die Katastrophen-Vorsorge der Bundesregierung im totalen Atomfall nichts mehr bewirkt, das kann nicht oft und deutlich genug gesagt werden. Aber die Regierung muß ja auch ein geringeres Schrecknis als den totalen Atomkrieg einkalkulieren. Die Sowjets werfen die Bombe auf Hamburg und drohen: „Wenn ihr nicht kapituliert, kommen andere Städte dran.“ Dann ist für Lüneburg, Hannover, Schleswig, München noch viel zu retten. Freilich fürchte ich, daß jeder „kleine“ Atomkrieg schnell zum ganz großen wird. Aber darf die Regierung das unterstellen?

Die Politik mußte beim Kongreß zu kurz kommen. Kann der Westen mit den Sowjets die totale, kontrollierte atomare Abrüstung vereinbaren, ohne konventionell stark nachzurüsten? Die Kosten wären riesig – aber immer noch erträglicher als die atomare Zerstörung. Doch werden die westlichen Völker sie aufbringen? Oder kapitulieren sie lieber vor dem Osten?