Auf fruchtbaren Boden gefallen

Dennoch – wäre sonst nichts geschehen, hätten die Haushaltsbeschlüsse wahrscheinlich nicht ausgereicht, die internationalen Kapitalströme in Richtung Bundesrepublik zu lenken. Aber die Beschlüsse fielen auf fruchtbaren, von der Wirtschaft bearbeiteten Boden. Vielleicht wird es später einmal das zweite deutsche Wirtschaftswunder genannt werden, was sich beinahe unbemerkt vor unseren Augen abspielt. Die vielgescholtenen deutschen Unternehmer und ihre Mitarbeiter auf allen Ebenen sind schneller als ihre Kollegen in anderen Industrieländern – Japan ausgenommen – auf dem Wege vorangekommen, der zurückgelegt werden muß, um die Wirtschaft den explosionsartig gestiegenen Energiekosten anzupassen. Die deutsche Wirtschaft ist dabei, die seit Herbst 1973 vervielfachte Öleinfuhrrechnung durch steigende Exporte zu bezahlen.

Für den Export stehen genug Kapazitäten zur Verfügung, weil sich die Käufer in der Bundesrepublik ganz im Sinne einer vernünftigen Reaktion auf. die hohen Benzin- und Heizölpreise nicht nur beim Autofahren und Heizen, sondern auch sonst beim Konsum zurückgehalten haben.

Die Exporterfolge der letzten Monate sind sicher auch damit zu erklären, daß in den Abnehmerländern die Inflationsraten höher sind als in der Bundesrepublik. Außerdem zahlt sich jetzt aus, daß sich die deutsche Exportindustrie seit einiger Zeit wieder stärker um deutsche Exportmärkte bemüht. Ohne Frage hat auch die vorübergehende Abwertung der Mark gegenüber dem Dollar, dem Yen und dem britischen Pfund mitgeholfen. Doch wenn es stimmt, daß die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie durch die Leistungen findiger Unternehmer und ihrer Mitarbeiter wieder verbessert wurde, dann wird der Export jetzt auch ohne die Stütze der Markabwertung weiter florieren.

Daß Bonn besorgt ist, die fällige Neuordnung der Leitkurse im Europäischen Währungssystem (EWS) könnte dem Export einen Dämpfer versetzen, überrascht nicht. Denn eine solche Neuordnung brächte eine Aufwertung der Mark und eine Abwertung der anderen Mitgliedswährungen, vor allem des französischen Franc. Vor der Jahrestagung der internationalen Währungsinstitutionen in Washington, bei der sich in der nächsten Woche auch alle Finanzminister und Notenbankpräsidenten der EWS-Mitgliedsländer treffen, ist mit Kurskorrekturen sicher nicht zu rechnen. Das ist auch nicht unbedingt nötig, zumal Frankreich regelwidrig Kapitalverkehrskontrollen und andere Maßnahmen der Devisenbewirtschaftung eingeführt hat, die es erlauben, eine Zeitlang dem Abwertungsdruck auf den Franc standzuhalten. Vermeiden lassen sich solche Kurskorrekturen nicht. Die deutsche Exportindustrie, die auf dem besten Wege ist, unter den erschwerten Bedingungen der achtziger Jahre ihren Platz auf den Weltmärkten zu behaupten, wird auch mit einer Francabwertung fertigwerden.

Kapital strömt ins Land

Das Meisterstück der flexiblen Anpassung an erschwerte Bedingungen hat schon seinen statistischen Niederschlag gefunden. Das Loch in unserer außenwirtschaftlichen Bilanz wird kleiner, der Unterschied zwischen den in die Höhe geschossenen Zahlungsausgängen ins Ausland und den Zahlungseingängen aus dem Ausland schrumpft, seit wir wieder Ausfuhrüberschüsse haben. Das Leistungsbilanzdefizit, in der Größenordnung von dreißig Milliarden Mark, noch im vergangenen Jahr Hauptgrund für die Markschwäche, wird nach Ansicht sachkundiger Beobachter in den Ministerien, der Bundesbank und den Forschungsinstituten schon in diesem Jahr beträchtlich kleiner sein. Optimisten halten es nicht für ausgeschlossen, daß die deutsche Leistungsbilanz schon 1984 wieder ausgeglichen sein wird.