Die Freigabe der Ölpreise hat in den USA einen Bohr-Boom ausgelöst

Von Peter Christ

Frohen Mutes baute die Mannschaft ihren Bohrturm unter der sengenden Sonne Louisianas auf. Unter dem Bohrplatz im tiefen Süden der Vereinigten Staaten vermutete der Bohrtrupp Öl, viel Öl. Die zum Greifen nahe Dollarquelle ließ die Öldriller jede Umsicht vergessen. Sie bohrten hektisch drauflos – und trafen: Nach wenigen Tagen sackte das ganze Bohrgerüst in ein darunterliegendes, stillgelegtes Salzbergwerk – von Öl keine Spur. Statt Millionengewinn – Millionenverlust.

Seit Ex-Präsident Jimmy Carter seinen Landsleuten die Freigabe der Öl- und Gaspreise angekündigt hat, werden biedere Familienväter zu Hasardeuren. Und seit Carter-Nachfolger Ronald Reagan den Zeitplan seines Vorgängers über den Haufen warf und mit einer seiner ersten Amtshandlungen schon am 28. Januar die Ölpreise freigab, ist Klondike überall, wo Öl vermutet wird. „Zwei meiner Nachbarn“, so berichtet ein Manager des Ölkonzerns Phillips Petroleum, „haben sich ein Bohrgerüst gekauft und bohren jetzt an Wochenenden.“

Der Grund für den Bohrboom liegt auf der Hand: Jedes Barrel (159 Liter) Rohöl aus amerikanischem Boden bringt nicht mehr 11 Dollar (wie 1979) oder 20 Dollar (wie 1980), sondern seit Januar mindestens 33 Dollar, wie auf dem Weltmarkt üblich. Allein die von Reagan um acht Monate vorgezogene vollständige Freigabe der Preise für in den USA gefördertes Öl spült mehr als vier Milliarden Mark in die Kassen der Ölfirmen. Ihr Engagement für den Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan hat sich gelohnt. Die glänzenden Gewinnchancen locken Investitionen in Dimensionen an, die deutsche Maßstäbe sprengen.

Exxon, größter Ölkonzern und größtes Unternehmen der Welt, will in diesem Jahr 7,5 Milliarden Mark für Ölsuche und -förderung in den USA ausgeben. Standard Oil und Shell, zwei der aktivsten Ölsucher unter den Multis, investieren rund sechs Milliarden Mark für denselben Zweck. Selbst in der Bundesrepublik gänzlich unbekannte Firmen wie Mitchell Energy & Development aus Houston/Texas wühlen für mehr als 700 Millionen Mark den Boden auf, ebensoviel, wie die Bayerischen Motorenwerke im vergangenen Jahr in ihre Anlagen investierten. Die gesamte amerikanische Ölindustrie wird in diesem Jahr für die Ölsuche und Förderung im eigenen Land rund 75 Milliarden Mark ausgeben, zwanzig Prozent mehr als ein Jahr vorher.

Big Oil sucht also Big Money – und umgekehrt. Das Ambiente beim Rendezvous hängt vom Geldbeutel der Anleger und vom Ort des Stelldicheins ab. In New York versuchen Kapitalsammler, bei glanzvollen Dinner Partys Dollars bei den Investoren lockerzumachen; in Texas sollen opulente Barbecues auf riesigen Ranches die Anleger in Spendierlaune versetzen. In New Orleans, so schreibt die New York Times, schenken ölbonzen ihren Geliebten Anteile an Ölquellen.