Von Christian Graf von Krockow

Zwischen dem traditionellen olympischen Amateurideal, das in diesen Tagen auf dem Olympischen Kongreß in Baden-Baden wieder einmal mit großen Worten beschworen wird, und der Realität des modernen Hochleistungssports klafft ein Abgrund. Die Realität wird bestimmt durch die unaufhaltsame Professionalisierung des Sports in immer mehr Bereichen. Nur mühsam überdecken Kompromisse in der Amateurformel des olympischen Statuts den Abgrund und das allmähliche Zurückweichen der Normierungen gegenüber der Wirklichkeit. Dabei wirkt die olympische Idee, die besten Athleten der Welt zum friedlichen Wettstreit zusammenzuführen, paradox und doch folgerichtig selber als ein Motor der Professionalisierung: Sie produziert ihren eigenen Widerspruch.

Üblicherweise wird unter Professionalisierung der Übergang zum bezahlten Wettkampfsport verstanden – der „Amateur“ wird „Profi“. Damit wird jedoch nur vordergründig beschrieben, worum es sich handelt; vor allem kommt der Faktor kaum in den Blick, der die Entwicklung vorantreibt: der Faktor Zeit. Der unerläßliche zeitliche Trainingsaufwand ist, grob gesprochen, von 1950 über 1960 und 1970 bis 1980 im Verhältnis 1:2:3:4 gewachsen. Das bedeutet: Die Chance zur Spitzenleistung im zeitlichen Nebenher wird immer geringer, der Sport wird zur Hauptsache, die alles andere im Leben des Athleten unerbittlich verdrängt.

Dieser Entwicklung kann niemand ausweichen, denn den Maßstab setzt die internationale Konkurrenz, wie sie exemplarisch bei Olympischen Spielen zum Ausdruck kommt. Das Bedingungsgefüge aus Konkurrenz und Leistung ergibt einen Systemzwang, eine Dynamik, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Einzige Alternative wäre das Ausscheiden aus dem Wettbewerb.

Wenn also unter dem Druck des Zeitbudgets die einstige Nebensache zur Hauptsache, zum Hauptberuf wird, dann ergibt sich zwangsläufig, daß diese hauptberufliche Tätigkeit auch irgendwie entgolten, bezahlt werden muß. Zweitrangig ist dabei die Frage, wer zahlt: ob die interessierten Zuschauer, die Werbung, ein Wirtschaftsunternehmen als Mäzen, eine Institution wie die Deutsche Sporthilfe oder der Staat. Direkt oder indirekt geht es freilich immer um das Publikum und um Publizität; denn durch die Prestigeträchtigkeit des Wettkampfsports werden die scheinbar so selbstlosen Förderer, seien es Wirtschaftsunternehmen oder der Staat, ja erst auf den Plan gerufen.

Olympische Idee und Olympische Spiele haben entscheidend zur Internationalisierung des Wettkampfsports beigetragen. Denn als dessen krönende, weltumspannende Zusammenfassung stellen sie sich ja dar. Eben daraus aber ergibt sich die einzigartige Öffentlichkeitswirkung olympischer Wettkämpfe und Siege. Und eben damit hat die olympische Bewegung den einzigartigen Wettkampfdruck erzeugt, der im Bedingungsgefüge aus Konkurrenz und Leistung entscheidend zur Professionalisierung des Spitzensports beiträgt – zu jener Professionalisierung, die den olympischen Amateuridealen so schneidend widerspricht.

Professionalisierung meint mehr als bloß die Bezahlung für eine Tätigkeit. Tatsächlich handelt es sich um einen historisch wie systematisch höchst komplizierten Sachverhalt. Viele und verschiedenartige, allerdings aufeinander bezogene Merkmale spielen eine Rolle: die intensive langfristige Vorbereitung, das Ausleseverfahren (im Sport durch Wettkampferfolge, in anderen „professions“ durch Zensuren, Versetzungen, Examen), die Spezialisierung, das hohe Leistungsniveau, das Prestige, die große zeitliche Beanspruchung ...