Als Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg 1696 duldete, daß seine für Kunst und Wissenschaft begeisterte Frau Sophie Charlotte, zusammen mit ihrem Lehrer und Ratgeber, dem Philosophen Leibniz, eine „Preußische Akademie der Künste und der mechanischen Wissenschaften“ gründeten, wies er den „Unsterblichen“ seines Landes als Sitz das erste Stockwerk im Kurfürstlichen Marstall an. Hinter dem Witz des Wortspiels, das Leibniz für eine Tafel über dem akademischen Pferdestall erfand, ahnt man die Verstimmung der gelehrten Herren über den ihnen zugewiesenen Tagungsort: „Mulis et Musis“, den Gäulen und den Musen geweiht, so prangte es in goldenen Buchstaben über dem militärischen Musenstall.

Denkt man an einige der „Sparvorschläge“ unserer Herrschenden während der letzten Wochen, dann steht der kurfürstliche Reitersmann, der seine Akademiker im Marstall zur Untermiete nahm, gar nicht so schlecht da: Neben all den militärischen Steckenpferden sollten oft weder Platz noch Geld da sein für Musenjünger und Akademiker.

Davon kann ein Lied singen einer, der nach dem Krieg viel dazu beigetragen hat, daß die Nachfolgerin der alten königlichen, später preußischen Akademie, die heute im West-Berliner Tiergarten residierende „Akademie der Künste“ in aller Welt bekannt, ja, berühmt ist: Walter Huder, Leiter des Archivs und der Bibliothek der Akademie. Am 5. Oktober feiert die Akademie den 25. Geburtstag von Archiv und Bibliothek und das 25jährige Arbeitsjubiläum von Huder. Walter Höllerer wird über das Thema „Archiv und Bibliothek“ einen Vortrag halten und Mitglieder der Abteilung Darstellende Kunst, die Schauspieler Wilhelm Borchert, Hans Lietzau, Bernhard Minetti und Erich Schellow, werden aus Original-Texten des Archivs lesen.

Das wird, das sollte mehr sein als eine Betriebsfeier. Mit großem Eifer, mit detektivischem Spürsinn und mit Phantasie hat Walter Huder Archiv und Bibliothek fast vom Nullpunkt wieder aufgebaut. Die Bibliothek der einstigen Preußischen Akademie zählte zu den bedeutendsten in Europa. So begehrt waren ihre Bestände, daß der Katalog, sogar in Buchform, immer wieder herausgegeben werden mußte. Die Nazis zwangen die Akademie zur „Selbstreinigung“ – und fanden willige Helfer. Das einstmals bedeutsamste Künstlergremium Mitteleuropas wurde ein Provinzverein, dessen Schätze verschleudert oder im Krieg zerstört wurden.

Als Walter Huder vor 25 Jahren für die Akademie zu arbeiten begann, waren nach der Nazi-Barbarei ein paar hundert nicht sehr wertvolle Bücher übriggeblieben. Die bescheidene finanzielle Ausstattung erlaubte nicht, mit reicheren Instituten zu konkurrieren. Aber da Huder selber zwölf Jahre lang verfolgt war, arbeitete er mit der Phantasie des in den Untergrund gezwungenen Intellektuellen, der sich vorstellen kann, was in Menschen vorgeht, die von Deutschland ins Exil getrieben worden waren und plötzlich Manuskripte oder Dokumente wieder in die alte Heimat geben sollten – meistens, aus Geldnot, geben mußten; Im Polizeikeller von Ascona fand Huder Werke des in der Schweizer Emigration gestorbenen Georg Kaiser, spürte in einer Scheune bei London die fünf Koffer mit dem Nachlaß von Alfred Kerr auf, entdeckte im Hinterhof eines Berliner Althändlers die Stahlkette („miserabel feuervergoldet“), die Kaiser Wilhelm II. dem Präsidenten zum 200. Geburtstag der Akademie gestiftet hatte.

Viele Nachlässe hat Huder nach Berlin geholt einfach deshalb, weil er nicht mit dem Scheckheft gewedelt, sondern mit Erben gesprochen, einsame Menschen im Exil getröstet hat. In Huder und seiner Menschlichkeit hat die Akademie ein Kapital, das nicht benannt ist, wenn man den „Bestand“ aufzählt, den Huder gesammelt hat: 106 Einzel-Archive, neun Spezial-Bibliotheten mit 52 000 Bänden, fast 1200 wissenschaftliche Arbeiten, die auf dem Archivmaterial basieren. Die von Huder aufgebauten 45 (Wander-) Ausstellungen sind durch die gesamte Welt gereist. Es wäre schade, Huder könnte die geplante Ausstellung zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung nicht aufbauen, nur weil die notwendigen Gelder bis jetzt nicht genehmigt sind.

Rolf Michaelis