Zum zweitenmal in diesem Jahr hat die Sowjetunion eine scharfe Warnung an Polen gerichtet. Gleichzeitig verschärften sich die Spannungen zwischen Gewerkschaft und Partei. Doch am Dienstag bot die „Solidarität“ der Regierung in Warschau einen Kompromiß an.

Hatte im Juni noch die sowjetische Kommunistische Partei ihren polnischen Genossen einen besorgten Brief geschrieben, so wurden die Sowjets diesmal offiziell: Regierung und Zentralkomitee wandten sich in ultimativer Form an Staat und Partei der Volksrepublik Polen. „Unverzüglich“ und „radikal“ sollen die Machthaber in Warschau den „Antisowjetismus“ im Lande unterbinden, der „gefährliche Grenzen“ erreicht habe.

Anlaß für diese Note war der erste Teil des Gewerkschaftskongresses in Danzig – in den Augen Moskaus eine „Tribüne“ für Beleidigungen gegen die Sowjetunion. Noch aufgebrachter zeigte sich der Kreml über den Aufruf der „Solidarität“ an die Arbeiter im Ostblock („eine empörende Provokation“). Unverhohlen wird der polnischen Führung vorgeworfen, sie leiste der „antisowjetischen Hysterie“ noch Vorschub – im Widerspruch zur Verfassung, worin die Freundschaft mit dem östlichen Nachbarn verankert ist.

Bekanntgegeben wurde das sowjetische Ultimatum am 17. September, ausgerechnet dem Jahrestag des sowjetischen Einmarsches in Ostpolen 1939. Die schrillste Begleitmusik kam aus der DDR: Das sozialistische Polen sei nur in Gefahr, weil Konterrevolutionäre der „Solidarität“ das Land bedrohten – so die amtliche Nachrichtenagentur ADN. Die Gewerkschaft bereite den Umsturz vor und verfüge bereits über „Kampftruppen nach dem Vorbild der SA“.

Am Dienstag kam neue Hiobspost: Stefan Olszowski, Wortführer des dogmatischen Flügels im Politbüro, drohte mit der Möglichkeit, daß die Verbündeten ihre Wirtschaftshilfe für Polen einstellen. Ohne Erdöl, Erze, Baumwolle und andere lebenswichtige Rohstoffe aus der Sowjetunion könne Polen nicht existieren. Am selben Tag traf überraschend der sowjetische Planungschef Nikolaj Baibakow in Warschau ein. Er berät mit der Regierung darüber, ob, wie und mit welchem Aufwand die Sowjetunion im kommenden Jahr in der Wirtschaftskrise helfen kann Unvermutet erschien auch noch der Stabschef des Warschauer Paktes, General Anatolij Gribkow, in der polnischen Hauptstadt.

Den Zorn der sozialistischen Nachbarn, aber auch der polnischen Parteiführung hatte vor allem das Sieben-Punkte-Programm erregt, das beim ersten Teil des Gewerkschaftskongresses veröffentlicht wurde. Die Forderungen nach freien Parlamentswahlen, nach Arbeiterselbstverwaltung und freiem Zugang aller gesellschaftlichen Gruppen zu den Medien wurden von Moskau als verdeckte Vorbereitung für die Machtübernahme der „antisozialistischen Kräfte“ ausgelegt.

Die polnische Parteiführung warf der „Solidarität“ vor, sie schrecke in ihrem rücksichtslosen Machtstreben nicht einmal vor der Gefahr „sinnlosen Blutvergießens“ zurück. Und Vize-Premier Rakowski erklärte, die Zusammenarbeit zwischen der Partei und der Gewerkschaft sei in Danzig zu Grabe getragen worden.