Zwölf Wochen bei den afghanischen Widerständlern

Von Aernout van Lynden

Endlich hatten wir das Tal erreicht. Abendrot lag über den steil aufragenden Bergketten im Westen. Stille breitete sich aus. Die Manner waren von den Feldern heimgekehrt. Über den Dörfern stiegen kleine Rauchsäulen auf, untrügliches Zeichen für die Zubereitung der Abendmahlzeit. Wir verlangsamten unser Marschtempo, als wir uns dem Dorfe näherten, wo wir die Nacht zubringen wollten. Willkommene Abwechslung: Vierzehn bis sechzehn Stunden täglich waren wir marschiert, um die Gebirgszüge des östlichen Afghanistan zu überqueren, und das vier Tage hintereinander. Ich war fix und fertig.

In der pakistanischen Provinzstadt Peschawar, wo die sechs führenden afghanischen Widerstandsorganisationen ihre Hauptquartiere aufgeschlagen haben, hatte nur zehn Tage zuvor ein Kommandeur der streng islamischen Younis-Khalis-Fraktion der Hezb-e-Islami angeboten, ihn bei seiner Rückkehr nach Afghanistan zu begleiten. Ich nahm an. Fünf Tage darauf, inzwischen mit meinem Pseudonym „Zadrang“ und der ungewohnten Kleidung vertraut, stieg ich zu fünfzig Mudschahedin – Kriegern Gottes – in einen grell angemalten stickigen Bus. In elfstündiger Fahrt brachte er uns zur Grenzstadt Parachinar. Dort begann unser Treck nach Afghanistan.

Will man die vielen Polizeistationen in Pakistan ungehindert passieren, so ist es ratsam, sich afghanisch zu kleiden – in weite, pyjama-ähnliche Hosen, lange, lose herabfallende Hemden, eine ärmellose Jacke und die runde Nuristani-Kappe aus Tuch. Auch in Afghanistan ist es besser, nicht gleich als Fremder aufzufallen.

Auf den ersten Blick wirkte das grüne Tal mit seinen friedlichen Dörfern und den aus Lehmmauern gebauten Häusern ganz und gar nicht wie die von Kommandeur Abdul Haq angekündigte Rebellen-Festung. Aber schon am ersten Tag, nach unserer Ankunft wurde ich eines Beiseren belehrt. Auf dem von Bäumen eingerahmten Platz im Dorfzentrum hatten sich achtzig Männer versammelt, ausgerüstet mit den unterschiedlichsten Waffen. „Wir haben Glück“, meinte Abdul. Er war sichtlich erregt. Die hier ansässigen Mudschahedin wollten gerade aufbrechen, um einen sowjetischen Transport auf der Straße Kabul–Jalalabad zu überfallen. Wir sollten sie begleiten. Dahin die Hoffnung auf eine noch so kurze Ruhepause

Am nächsten Tag, kurz nach Mittag, schlugen die Rebellen zu, etwa dreißig Kilometer östlich von Kabul. Zwei russische Schützenpanzer tauchten in der Kurve auf. Die Guerillas beschossen sie aus ihren Verstecken mit drei Bazookas. Sofort eröffneten die auf den Fahrzeugen montierten Maschinengewehre das Feuer; blindlings schossen sie auf die Bergflanken. Aber es war kein Entkommen.