Baden-Württemberg verwirklichte als letztes Bundesland die 1972 von den Kultusministern beschlossene Reform der Oberstufe. 1978 erst begannen die südwestdeutschen Gymnasien mit dem Kurssystem. 1980 erst absolvierten baden-württembergische Schüler das Abitur nach drei Jahren in der „neuen gymnasialen Oberstufe“. Jetzt ist Baden-Württemberg das erste Bundesland, das die Oberstufe ein zweites Mal reformieren wird. Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder und Ministerpräsident Lothar Späth kündigten letzte Woche eine „Tendenzwende in der Bildungspolitik“ an.

Gern würden die beiden schnellen Schwaben ihre Pläne sofort in die Tat umsetzen. Da sie aber wirklich mehr als nur eine Korrektur der gymnasialen Oberstufe wünschen, sollen erst noch die Lehrpläne des Landes „entrümpelt“ werden. Nach der Überarbeitung der Lehrpläne – dem „Erzieherischen in der Schule“ wollen sie wieder mehr Raum geben – steht dann die Veränderung der Oberstufe für das Jahr 1984 an.

Danach müssen die Schüler der Oberstufe wieder Deutsch, eine Fremdsprache, Mathematik, Geschichte und eine Naturwissenschaft bis zum Abschluß des Gymnasiums belegen.

Nur noch 15,5 Prozent der baden-württembergischen Schüler hatten im Schuljahr 1980 Deutsch als Leistungskurs gewählt. Nur 24,9 Prozent entschieden sich für Mathematik. Weil ein „deutsches Abitur ohne das Fach Deutsch“ für Späth und Mayer-Vorfelder undenkbar ist und weil sie glauben, daß die Technikfeindlichkeit vieler Jugendlicher auf die Abwahlmöglichkeit von Mathematik zurückzuführen ist, soll es ein Abitur „ausschließlich mit den Fächern Biologie, Bildender Kunst, Religion und Sport“ künftig nicht mehr geben.

Überhaupt soll das Abitur in seiner klassischen Form wieder mehr Geltung erlangen: Im schriftlichen Teil müssen Deutsch oder eine Fremdsprache geprüft werden. Ein Schüler muß sich zudem entweder in Mathematik oder in zwei Naturwissenschaften prüfen lassen. Und die Noten der Abschlußprüfungen sollen wieder mehr zählen.

Verändern wollen Mayer-Vorfelder und Späth auch das Verhältnis von Grundkursen zu Leistungskursen. Da die Leistungskurse im komplizierten Punktesystem der Oberstufe heute dreimal soviel zählen wie die Grundkurse, hätten die Schüler, Grundkurse nur noch als lästige Pflichtübungen angesehen, sagte Mayer-Vorfelder. Um den dadurch entstandenen „Verlust allgemeiner Grundbildung“ aufzuhalten und eine zu frühe Spezialisierung zu vermeiden, sollen die Grundkurse wieder höher – im Verhältnis von 1 : 2 zu den Leistungskursen – bewertet werden.

Peter Pedell