Kürzlich erhielten wir einen Brief aus Offenbach: „Seit langer Zeit bin ich nun schon ein großer, begeisterter Elvis-Fan und Mitglied des amerikanischen ELVIS NOW-Fanclubs in Kalifornien ... Wohl im Namen aller Elvis-Fans möchte ich Ihnen mitteilen, daß am 19. September diesen Jahres ein Marsch nach Washington D.C. stattfindet. Dies geschieht in einem Umfang, wie man ihn seit dem historischen Marsch von Martin Luther King nicht mehr gesehen hat. Dies geschieht zum Gedenken an Elvis Aaron Presley! Die Hauptsache allerdings ist das Erreichen und Durchsetzen eines Feiertages zu Ehren von ihm. Sein Geburtstag, der 8. Januar, soll Zum Feiertag erklärt werden.“

Millionen von Unterschriften, heißt es weiter, seien in aller Welt gesammelt worden und sollten im Weißen Haus übergeben werden. Der Brief schließt mit dem Wunsch „Gott schütze Sie“, und abgezeichnet ist er mit „Elvisly yours“ – Ausdruck einer Verehrung, die wie selbstverständlich auch allgemeine Floskeln usurpiert.

Keinen Gedenktag, sondern einen Park forderten – und bekamen gerade erst – die Fans von John Lennox Auf Ersuchen seiner Witwe wurde ein tränenförmiges Stück Land im New Yorker Central Park, das die Lennon-Familie oft benutzt hatte, dem Gedenken an den ermordeten Musiker gewidmet: „Strawberry Fields“.

Zwei Idole, zwei Fan-Generationen und das gleiche Ziel: der Versuch, dem Objekt der Verehrung für die Ewigkeit ein Denkmal zu setzen, die Nachwelt auf ihren Respekt zu verpflichten, die Aufmerksamkeit auch der Nicht-Fans einzufordern.

Im Falle von John Lennon rannten seine Anhänger offene Türen ein: Die von der älteren Generation anfangs als „Pilzköpfe“ und „hysterische Schreihälse“ titulierten Beatles sind heute Bestandteil des kulturellen Establishments wie der Musikgeschichte. Von Bürgermeister Edward Koch, der sich vor Jahren als Kongreßabgeordneter für die Aufenthaltsgenehmigung des in England wegen Drogenmißbrauchs verurteilten Beatles eingesetzt hatte, nahm Yoko Ono vor kurzem die Kulturmedaille der Stadt New York für ihren Mann entgegen.

Aber ein Feiertag für ein Pop-Idol? Eine abstruse Idee von Elvis-Fans, die in ihrer jugendlichen Begeisterung steckengeblieben sind – oder legitime Forderung einer Generation, die ihre Vorbilder nicht mehr präsentiert bekommt, sondern sie sich selber sucht und gegen eine skeptische bis ablehnende Erwachsenenwelt durchsetzt?

Die Abkehr vom Unterhaltungsestablishment der Crosbys und Sinatras, der Ausbruch aus den Konzertsälen und in die Stadien, kreierte etwas ganz Eigenes, eine Massenverehrung, die, jedenfalls zunächst, unter Ausschluß der Älteren stattfand. Die bedingungslose Gefolgschaft für Presley seit seinem Durchbruch 1956 deutete auf ein Bedürfnis, dem die neuen Rhythmen entgegenkamen, ein Bedürfnis nach Freiheit und Befreiung von sexuellen Konventionen. Was sich bei Presley gewissermaßen als äußere Rebellion auslebte, erfuhr durch die Beatles allmählich eine neue Dimension: die Kehrtwendung von der Außen- zur Innenwelt, die zumal von John Lennon inspirierte und interpretierte Friedenssehnsucht der 70er Jahre.