Der Einzelhandel beobachtet die „Telephonläden“ der Post mit wachsendem Mißtrauen

Viele Einzelhändler sind der Post gram. Ihnen mißfällt, daß der Staatsbetrieb immer mehr Telephonläden eröffnet, meist in den Hauptgeschäftsstraßen der Städte. Der Bund der Steuerzahler leistet dem Handel Schützenhilfe. Er glaubt, an mehreren Beispielen nachweisen zu können, daß mittelständische Unternehmer von der Bundespost beim Kampf um günstige Standorte „regelrecht an die Wand gedrückt werden“.

Einer der Betroffenen ist Rüdiger von Reibnitz, Geschäftsführer einer chemischen Reinigung in Solingen. Er hatte sein Geschäft in Remscheid seit fünfzehn Jahren betrieben. Die monatliche Miete für neunzig Quadratmeter betrug zuletzt 6000 Mark. „Um den auslaufenden Mietvertrag zu verlängern“, so schreibt der Bund der Steuerzahler, „bot das Unternehmen 7500 Mark und lag damit gleichauf mit einer großen Bank, die in den Räumen eine Filiale eröffnen wollte. Doch beide Bewerber wurden von der Post locker ausgestochen: nach zuverlässigen Angaben mit einer Monatsmiete von 10 000 Mark.“

Für den Reinigungsunternehmer bedeutete dies, daß er seinen Betrieb schließen mußte; neun Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Sein bitterer Kommentar: „Mit den hohen Telephongebühren finanzieren wir unsere eigene Verdrängung.“

So wie in Solingen gab es auch in Städten wie Siegen und Düsseldorf Krach zwischen der Post und Einzelhändlern – und weiterer Ärger kündigt sich an. Denn zu den teilweise bereits.seit neun Jahren bestehenden 55 Telephonläden und hundert Telephon-Mobilen, die mit dem Postangebot über Land fahren, sollen in den nächsten drei Jahren fast noch einmal soviel Läden hinzukommen. In den Telephonläden und -Mobilen kann der Kunde zwischen den unterschiedlichsten Telephonapparaten wählen: antik, in Marmor oder in Form einer Mickymaus. Kaufen, unter den Arm nehmen und nach Hause tragen können Interessenten die von der Post gezeigten Prachtstücke freilich nicht. Telephone werden wie bisher installiert, wenn ein Antrag ausgefüllt und eingereicht wurde.

Die Post will mit dem Angebot in den Telephonshops ihre Kunden umfassend über ihre Fernmeldedienste informieren. Schleierhaft bleibt jedoch, was eigentlich dabei herauskommen soll. Schließlich gibt es heute in der Bundesrepublik bereits 22 Millionen private und geschäftliche Telephonanschlüsse. Da also die Versorgung schon recht hoch ist, dürfte die Aussicht, im Telephonladen mit Hilfe von Marmor- und Mickymaus-Telephonen’soviel neue Kunden zu angeln, daß die hohen Mieten wieder eingespielt werden, nicht allzu groß sein. Deshalb drängt sich die Frage auf, ob sich die Post mit ihren Telephonläden nur eine neue Verlustquelle erschlossen hat – oder andere Absichten verfolgt.

Deshalb beobachtet die freie Wirtschaft diese Aktivitäten des Monopolunternehmens auch recht mißtrauisch. Warum, so fragen sich viele Händler, versucht die Post, ihre Telephonläden an besonders attraktiven Standorten in den Innenstädten zu eröffnen, ohne Rücksicht auf die Höhe der Miete? Zumindest der Rundfunk- und Fernsehhandel glaubt zu wissen, warum. In der Branche wird befürchtet, daß die Post in den Markt der Unterhaltungselektronik einbrechen und in ihren Läden eines Tages nicht mehr nur Telephone, sondern auch andere Geräte anbieten könnte. Schließlich werden durch die Weiterentwicklung von Kabelfernsehen, Bildschirm- und Video-Text die Verbindungen zwischen der Post und ihren Kunden noch enger. Für die Post könnte es daher immer verlockender werden, neben Fernsprechapparaten auch andere Kommunikationsgeräte feilzubieten. Bisher hat die Post derartige Absichten allerdings-vehement bestritten. Viktor Paul