Zwei Männer lieben sich: Sie schauen einander treu und tief in die Augen, lächeln zaghaft und innig, dann küssen sie sich auf den Mund, halb sinnlich, halb brüderlich. Eine menschenfreundliche Szene an einem menschenfreundlichen Theaterabend: In Basel wurde „Still, Ronnie“, das neue Stück des Dramatikers Heinrich Henkel, uraufgeführt.

Zwei andere Männer lieben sich, anders: Sie quälen, foltern, unterwerfen einander, ihre Liebesspiele sind immer auch Macht-, Kampf- und Mörderspiele. Sie tanzen und turteln, und im nächsten Moment schon schlagen sie einander beinahe tot. Sie hüllen sich in gewagte Gewänder, vor allem der eine, der sich „Kaiser“ nennt – schickes schwarzes Leder ist sein erstes Kostüm, schwarze Damenwäsche das zweite, und dann ist der Kaiser plötzlich nackt.

Die beiden verliebten Männer spielen miteinander die ganze Geschichte der Welt: Gott und Mensch, Herr und Knecht, Kind und Mutter, Eros und Tod. Und sie zeigen dabei sämtliche Tricks des zirzensischen Theaters: Bodenturnen, Ringkampf, Trapez. Nach der Pause (aber das weiß ich nur noch vom Hörensagen) sollen die beiden Männer einen Koitus vorgeführt haben („realistisch gemimt“, wie der Kritiker der Basler Zeitung kennerhaft feststellte), soll sich einer gar eine lebende Boa Constrictor aus dem Basler Zoo um den Leib gelegt haben.

Radikale Szenen aus einem radikalen Theaterabend: In Basel wurde, einen Tag vor der Henkel-Uraufführung, die neue Inszenierung des Regisseurs David Mouchtar-Samorai vorgeführt. Ihr Anlaß, ihr Vorwand: ein Stück von Fernando Arrabal, „Der Architekt und der Kaiser von Assyrien“.

An zwei Abenden also zeigten die Basler Bühnen zwei Extreme des Theaters: das kunstlosschlichte Sozialdrama und das morbid-raffinierte Spektakel. Der eine Abend sah ein bißchen provinziell aus, der andere gab sich betont weltläufig. Was war schlimmer?

*

„Still, Ronnie“, von Petra Dannenhöfer inszeniert, behandelt das Thema „Drogen“. Es behandelt ein Thema, ein Stück ist es nicht. Denn Henkel, dem nach seinem ersten Erfolg mit „Eisenwichser“ (1971) nie wieder der Beweis gelungen ist, wirklich ein Autor fürs Theater zu sein, wirklich über mehr als nur amateurhafte Mittel zu verfügen, macht auch im neuen Stück sofort alles abtötend klar: das Thema, die Figuren, die ideologischen Positionen, die eigenen Sympathien. Variationen mutet er sich nach der ersten Szene kaum noch zu. So kommt einem dieses neue Stuck vor wie ein altbekanntes. Es handelt ein aktuellpopuläres Thema ab und wiederholt dabei nur vertraute Gesten, Meinungen, Vorurteile. Nie wird erkennbar, was das Theater vom Fernseh-Feature, der Illustrierten, dem liberalen Wochenblatt unterscheiden könnte: ein neuer, fremder Blick auf eine scheinbar bekannte Wirklichkeit.