Einem Schauspieler wird eine schwarze Kapuze über den Kopf gestülpt, mit Schnüren zugebunden, er beginnt zu zucken und zu zappeln – natürlich ist es spannend, wie lange der Schauspieler das durchhält. Einem Fisch wird das Wasser aus seinem Aquarium geladen, er beginnt zu rucken und zu zappeln – natürlich ist es spannend, wie lange der Fisch das durchhält. Ein zweiter Schauspieler hängt mit einem Arm an einem Leuchter, baumelt und turnt daran virtuos wie ein Schimpanse – natürlich ist es spannend, wie lange der Schauspieler das aushält.

Der Regisseur David Mouchtar-Samorai verlangt seinen beiden Schauspielern (Herbert Fritsch, Hans Schenker) wie dem namenlosen Fisch vielerlei Höchstleistungen ab – es gibt in seiner Arrabal-Inszenierung keinen Moment, dessen Effekt nicht sorgfältig kalkuliert, dessen Ausführung nicht hart trainiert worden wäre. Die Inszenierung demonstriert eine große Energie, fast jede Erfindung ist auch ein nachdrücklicher Hinweis auf die Sinnlichkeit ihrer selbst und der ganzen Veranstaltung. Zweifellos hat Mouchtar-Samorai das Stück brillant inszeniert. Weil man aber nie weiß, warum er es eigentlich inszeniert hat (außer: um den Text und sich selber in Szene zu setzen), hat er es eigentlich doch sehr langweilig inszeniert. Das Theater führt vor, daß es in Hochform ist; warum sonst es stattfindet, sagt es nicht.

Mouchtar-Samorai ist es mit wenigen Inszenierungen in Heidelberg und Basel gelungen, so etwas wie ein Streitfall zu werden; er hat (nichts Besseres kann in einer Regisseurs-Karriere passieren) entweder abfällige oder aber kniefällige Kritiken provoziert. „Die Provinz tanzt“ stand in der ZEIT, anderswo sah man einen Vulkan explodieren.

Ich habe bisher noch keine Inszenierung von Mouchtar-Samorai gesehen – zu seinem Jünger jedenfalls hat mich der Basler Arrabal noch nicht gemacht. Ich gebe zu, daß daran zwei Vorurteile schuld sein könnten: eines gegen den Autor Arrabal, das zweite gegen jene Art Regieathletik, die das Theater gnadenlos von Einfall zu Einfall, Effekt zu Effekt, Höchstleistung zu Höchstleistung vorwärtstreibt, gegen das brüllende, keuchende, tobende, schwitzende Theater, dessen (meinetwegen barock-blasphemische) Bilder- und Leibesfülle in meinem Kopf nichts als Leere produziert. In einem Theater, das pausenlos sinnlich ist, ersterben mir alle Sinne.

Zwei Männer, ein Schauplatz: Auf einer „Insel“, nach einer apokalyptischen Katastrophe möglicherweise, spielt Arrabals Drama. Mouchtar-Samorai verlegt das Stück von der „Insel“ in eine düstere Wohnhöhle, die mit Zimmerpflanzen, Aquarium, Schaufensterpuppen, einem Arztstuhl, Schränken, Kommoden, Spiegeln, Scheinwerfern apart vollgestellt ist (Bühne: Erich Fischer). Die Explosion, mit der das Stück beginnt, kommt vom Kassettenrecorder. Aus Arrabals letzten (und ersten) Menschen macht Mouchtar-Samorai zwei zeitgenössische Schwule, die sich in ihrem Boudoir die Freizeit damit vertreiben, einige Szenen und Zeremonien des Fernando Arrabal vorzuführen.

Eine Geschichte, Liebesgeschichte zwischen den beiden Jünglingen, die sich auf der Bühne so ekstatisch miteinander befassen, einander befingern, erzählt Mouchtar-Samorai nicht. Zwei Schauspieler führen zusammen hübsch hitzige Schauspieler-Nummern vor. Auch dort, wo es~Arrabal offenbar heilig ernst ist, er deshalb blutigen Kitsch produziert, verläßt Mouchtar-Samorai nie der kalte Kunstverstand; wo Arrabal poetisch dilettiert und deliriert, ordnet Mouchtar-Samorai gelassen die Effekte. Ein vulgäres Raffinement produziert sich da, das ich weit unausstehlicher fand als alle Kunsteinfalt, allen progressiven Biedersinn bei Heinrich Henkel.

Zweimal in Basel zu sehen: das Theater von gestern, die aufgebrauchte Avantgarde. Das matt gewordene Lehrtheater bei Henkel, das leer gewordene Schocktheater bei Arrabal; das eine Mal Theater, das sich nicht fürs Theater interessiert; das andere Mal Theater, das sich für nichts als das Theater interessiert. Gute Gesinnung am einen Abend, guter Sport am anderen, gute Kunst an keinem. Benjamin Henrichs