Medea, Jason und die Kinder sind im Kino: Aber der Film ist längst aus, der Vorhang auf, die Leinwand leer, das Parkett fast schon ausgeräumt. Die Wandleuchten funktionieren noch, die Plakate sind schon abgewetzt und zeigen Donald Duck und James Bond. Filme von Pasolini – zum Beispiel seine „Medea“ – wurden hier nicht gezeigt. Dafür zeigen pünktlich zum offensichtlichen Bankrott dieses Filmtheaters Roberto Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer ihre Version der „Medea“, eine „Uraufführung“. Nach einer Idee des Ausstatters Gralf Ezard Habben sitzen dabei die etwa hundert Zuschauer der beiden Veranstaltungen im Kammerspiel des Stuttgarter Schauspielhauses auf ihrem Podest wie auf dem Rang des Filmtheaters und blicken in den Kinosaal, als wären sie die Vertreter der Baubehörde.

Auf dem weiten Weg von der griechischen Mythologie bis zu uns, von Korinth nach Stuttgart, lag für die Theaterleute das Kino. Aber statt der griechischen fanden sie dort nur die trivialen Mythen des Films. Diesem Erlebnis (einem Gemeinplatz) hat Gralf Ezard Habben mit seinem Raum ein Denkmal gesetzt. Es wurde zum Ausgangspunkt für die weitere Suche nach Spuren vom Mythos in Stuttgart.

Vermutungen zur Produktionsgeschichte: beim genauen Durchsuchen des Kinos nach Spuren hat das Team auf der Bestuhlung neben einem alten Kaugummi ein Herz entdeckt. Daneben stand: Jason liebt Medea. Da war sie, die Spur, die in unsere Wirklichkeit führt, bis ins Publikum. Die Freude über diese Entdeckung konnte nicht lange dauern. Für die Aktualisierung (und Trivialisierung) von Klassikern ist das meiste getan. Ciulli und Schäfer konnten ihrer Methode nur noch ein weiteres Denkmal, setzen. Was dabei dem Stuttgarter Publikum vom Mythos übrigblieb, war die Gewißheit, daß es kommen würde, wie es kommen mußte, wenn Medea von Korinth nach Stuttgart geht.

Gleich in der ersten Szene telephoniert sie im Morgenrock mit Jason. Am Hofe des Peleas in Iolkos, als sie den Widder verjüngte und den König umbrachte, hat er sie noch geliebt. Aber seit sie in Stuttgart sind, geht er mit der Tochter des Königs ins Bett. Kopfschmerzen hätte sie gehabt nach der Trennung, sagt sie. Aber jetzt sei ihre Freundin gekommen. Kaum hat sie das Telephonat beendet, ruft Jason zurück. Sie werde vernünftig sein, versichert sie in immer schrilleren Tönen. Die Photos habe sie zerrissen. Sie macht sich keine Illusionen mehr.

Medea ist keine Griechin, sondern eine Barbarin, eine Außenseiterfigur, bei Hans Henny Jahnn eine Negerin. Darum läßt Veronika Bayer als Medea in Stuttgart keinen Zweifel daran, daß ihr Morgenrock politisch zu sehen ist. Durch die Auswahl des Musters und des Materials (Kostüme: Klaus Arzberger) solidarisiert sie sich mit der einfachen Frau. Inzwischen wird ihr Mann im Bett der Königstochter zum Karrieristen. In Beziehungskisten sieht Ciulli die alten Mythen schlummern.

Zu einem Theater, das sich politisch versteht, gehört ein kritischer Standpunkt. In Stuttgart hat ihn Mechthild Großmann verkörpert, die als Medeas Freundin für unangenehme Zwischenfragen zuständig ist. Einmal erinnert sich die Amme (Renate Steiger) an Euripides, an das zweite Standlied, in dem der Chor Medea zur Ordnung ruft und „Mäßigung“ fordert. Medeas Freundin unterbricht ihre Comic-Lektüre: „Wer bestimmt denn, was Maß und Übermaß ist?“ Die Frage wird später vom Dramaturgen beantwortet. Kreon (Hans Schulze), als König von Stuttgart ganz in Grau und mit Hut, muß Medeas Freundin das Wort abschneiden: „Mäßigen Sie sich!“ Jetzt weiß man, was man schon vorher wußte: Es ist im Interesse der Herrschenden, daß diese Edelvokabeln kursieren.

Medeas Freundin ist übernervös, trägt zur blauen Jacke grüne Stöckelschuhe, wirbt mit lauter abweisenden Sätzen um Zuneigung, trinkt viel, raucht viel und beherrscht eine Menge Sprüche wie: „Wer wird denn weinen, wenn man einmal denkt, es geht nicht mehr, dann kommt bestimmt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Medeas Freundin ist eine Frau, wie sie in den Stücken der Pina Bausch vorkommt. Mechthild Großmann, von Pina Bausch zu Ciulli abgewandert, wird sich vorsehen müssen, daß sie für unser Theater nicht „die Kaputte der achtziger Jahre“ wird und schon mithilft, ihren eigenen Ausverkauf zu betreiben.