Berndt Schulz legt hier eine Anthologie mit fünfzig Prosastücken deutschsprachiger Autoren aus diesem Jahrhundert vor: der älteste Autor ist Gerhart Hauptmann, der jüngste G. F. Jonke –

„Gib acht, tritt nicht auf meine Träume“, Geschichten des deutschen Surrealismus, herausgegeben von Berndt Schulz; Eichhorn Verlag, Frankfurt, 1981; 288 S., 29,80 DM.

Daß der Herausgeber, Berndt Schulz, sie als „Geschichten des deutschen Surrealismus“ bezeichnet, befremdet zunächst, weil es einen deutschen literarischen Surrealismus nie gegeben hat – jedenfalls nicht im Sinne einer deutlich erkennbaren Gruppierung oder gar Schule. Doch in seiner Einleitung tritt er der Befremdung sogleich entgegen und versucht, die aufkommenden „Verständigungsprobleme“ zu klären. Er sieht sehr wohl, daß im deutschen Sprachraum surrealismusnahe Texte allenfalls durch enge Zeitgenossenschaft oder durch Wahlverwandtschaft in Denken und Fühlen entstehen konnten – freilich vorgeprägt durch ein wichtiges Element romantischen Dichtens: spätestens seit der Romantik nämlich, so stellt Schulz fest, sei die avancierte Literatur „Widerstandshandlung gegen die moderne Industriegesellschaft“ – antibürgerlich also, wie es auch die Surrealisten waren. – Schulz gliedert die Texte in zwei Abteilungen; „Der möblierte Mensch“ ist die erste übertitelt: sie soll „den heiteren Kosmos des umhergeworfenen Individuums zeigen, das Arm in Arm mit seinen Gesichten, Träumen, Utopien, Leidenschaften auftritt Die zweite Abteilung versammelt unter dem Titel „Menschentier, Uhr aus Blut“ verschiedene Positionen surrealisierender Dichtung“, deren Gemeinsames „im Umkreis gefährlicher Landschaften“ liege, in einer „unstabilen Sehweise, die den Trieb und das Überreale als Gefährdung erlebt, statt sie für ein progressives Menschenbild zu reklamieren

Man kann sich fragen, warum Berndt Schulz sich beispielsweise nicht mit dem (allerdings auf andere Weise vagen) Begriff der „phantastischen Geschichte“ begnügt hat: Er hätte dann keine langen Erklärungen für sein Anthologie-Etikett abgeben, hätte im Autoren- und Quellenverzeichnis nicht für jeden Text eine rechtfertigende Einordnung formulieren müssen; die reichen von „Surrealistisch in Thema und Technik“ (bei Ilse Aichinger) bis „Surrealistisch in der Liebe“ (bei Stefan Zweig). So sehr der Leser von den Thesen der Einleitung irritiert sein wird, so sehr wird er von der Breite des Autoren-Spektrums überrascht und angeregt sein. Hanns Grössel