Von Georg Jung

Nicht allein die Costas mit ihren wohlklingenden Namen haben Spaniens Gesicht geprägt, es sind ebenso die Gebirgsgruppen und Hochebenen. Viele Gipfel ragen über 3000 Meter hoch. Zweifellos die bekannteste der Gebirgsgruppen sind die Pyrenäen, die sich über eine Länge von 500 Kilometern zwischen Atlantik und Mittelmeer erstrecken und als natürliche Barriere die iberische Halbinsel von Frankreich trennen. Im Laufe der Geschichte wurden sie immer wieder von den verschiedensten Völkern – meist in kriegerischer Absicht – überwunden. Kreuzritter, Soldaten und Pilger hinterließen hier ihre Spuren, bis im 17. Jahrhundert zwischen Frankreich und Spanien der „Pyrenäenfriede“ geschlossen wurde. Heute sind es friedlich gesonnene Touristen-Heere, die alljährlich zur Sommerzeit über die Paßstraßen nach Süden fluten; doch nur ein dünnes Rinnsal davon zweigt in die Gebirgsregionen ab, von denen einige zu den letzten großen Naturreservaten Europas zählen und als Nationalparks unter Schutz gestellt sind.

Es muß an der Unzugänglichkeit mancher Pyrenäengebiete gelegen haben, daß die ursprüngliche Wildheit vielerorts noch erhalten und die Besiedlungsdichte so dünn geblieben ist. In den tiefen Wäldern und dunklen Gründen sollen, so die Fama, auch heute noch vereinzelt Braunbären und Wölfe leben. Es liegt etwas Geheimnisvolles, fast etwas Schwermütiges über den weltenlegenen Tälern und engen Schluchten. Immer wieder zog es Flüchtlinge hierher, die in den versteckten Kavernen Schutz vor politischer oder religiöser Verfolgung suchten.

Lange Zeit, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, blieben auch die Höhlen jener Jägervölker ein Geheimnis, die zu einer Zeit, da Nordeuropa noch unter schweren Eis- und Gletschermassen schlummerte, bereits einen harten Kampf ums Dasein führten. Mit Farben aus Ocker, Manganerde und Eisenoxyd, vermischt mit Tierfett, schufen sie die berühmten Felsmalereien, mit denen die Beutetiere magisch überwältigt werden sollten.

Jahrtausende später waren es Verfolgte, die in solchen Höhlen ihren Glauben mit geheimnisvollen Schriftzeichen und eingeritzten Symbolen manifestierten. Man weiß nicht viel von den starkgläubigen „Vollkommenen“, wie die Katharer oder Albigenser genannt wurden. Viele von ihnen wurden der Ketzerei beschuldigt, mitsamt ihren Schriften verbrannt.

Viel Mystik liegt schon im Namen der Pyrenäen, seine Herkunft ist unklar, als Zeugnis dient eine Sage: Da war die legendäre Prinzessin Pyrene, die in leidenschaftlicher Liebe zu Herakles entbrannte und, als dieser sie verließ, in die Wildnis ging, wo sie von Tieren getötet wurde.

Liebe war es nicht, Was mich in die Pyrenäen zog, eher Abenteuerlust. Von Hamburg aus sind es immerhin 2000 Kilometer Wegstrecke, die, wenn man auf einem mit Camping- und Bergsteigerausrüstung vollbepackten Motorrad unterwegs ist, noch viel weiter scheint. Es war weniger die Ermüdung, die zu häufigeren. Fahrtunterbrechungen veranlaßte, vielmehr ist es auf einem Zweirad noch viel schwerer, nur so einfach vorbeizufahren, schon gar nicht, wenn man sich als Reiseroute nicht die Rhône-Autobahn, sondern die westwärts gelegenen Landschaftsgebiete der Ardèche und Cevennen wählt. Auf dem Motorrad erlebt man die Welt mit anderen Augen, alles ist wirklichkeitsgetreuer und unmittelbarer: die Bewegung, der unter den Füßen wegwischende Asphalt, die Gerüche, jede kleinste Veränderung der Luft oder des Windes wird einem gewahr.