Von Ulrich Schiller

New York, im September

Es gab Umarmungen und Wangenküsse nach russischer Art in einem Gewirr erregter Stimmen und Gesten eines für viele aufwühlenden Wiedersehens. Sowjetische Schriftsteller im Exil trafen sich Mitte September in der New Yorfer Stadtbibliothek; genauer gesagt, amerikanische Verleger hatten sie versammelt. „Der dritte Moskauer Buchmesseempfang – (im Exil)“, so stand auf der Einladung. Eine Tradition soll begründet werden.

In den Jahren 1977 und 1979, da fand der Empfang des amerikanischen Verlegerverbandes tatsächlich in Moskau, im bekannten Restaurant „Aragvi“ statt. Außer einigen Mitgliedern des Schriftstellerverbandes, die uneingeschränkt publizieren durften, folgten damals der Einladung auch mutige Männer und Frauen, denen der Staatssicherheitsdienst KGB schon auf den Fersen war. Viele von ihnen sind seither emigriert oder aus ihrem Lande gejagt worden, andere sind in der Verbannung oder im Gefängnis oder, wie soeben Anatolij Martschenko, erneut verurteilt worden. Wegen einer verschärften Vorzensur hatte der amerikanische Verlegerverband seine Kollektivbeteiligung in diesem Jahre gestrichen. Eines seiner Mitglieder, Robert Bernstein, der Chef von Random House, hatte schon 1979 kein Visum für Moskau erhalten. Jetzt will Bernstein New York zum Platz einer Buchmesse für diejenigen sowjetischen Schriftsteller und Wissenschaftler machen, die für ihr unabhängiges Denken mit Straflagerjahren und Emigration bezahlt haben.

Schon diesmal lagen in der New Yorker Stadtbibliothek mehr als 50 Buchtitel aus, Romane, wissenschaftliche Arbeiten, Memoiren, Bücher, die allesamt beweisen, daß russische Literatur und die Literatur der Völker der Sowjetunion auch in der Emigration weitergedacht und fortgeschrieben wird. Die Veröffentlichungen Lew Kopelews gehören zu den jüngsten Beispielen. Der angesehene Germanist, der in der Bundesrepublik eine neue Heimat finden will, erklärte in New York vor seinen alten Freunden, er sei dagegen, daß man alle Kulturbeziehungen mit der Sowjetunion abbricht; „Wir dürfen doch nicht die sowjetischen Leser für die Verbrechen der Sowjetregierung bestrafen.“

Schreiben, reden, schreiben, arbeiten und verarbeiten, irgendwie auch darauf hinarbeiten, daß sich die politischen Verhältnisse in der Sowjetunion eines Tages ändern – das verbindet sie ausnahmslos, die Männer und Frau der sowjetischen Emigration. Doch wie sie sich die politische Zukunft ihres Mutterlandes vorstellen, wie sie die Sowjetherrschaft begreifen und erklären, darüber gehen die Ansichten oft auf das heftigste auseinander.

Vor dem Hintergrund russischer Geschichte und Literatur wird gerade jetzt wieder eine erbitterte Fehde ausgetragen. In ihrem Mittelpunkt steht Andrej Sinjawskij, ein glänzender Schriftsteller und hervorragender Literaturhistoriker, der 1973, nachdem er eine siebenjährige Lagerstrafe verbüßt hatte, nach Paris emigrierte. Der Moskauer Prozeß gegen Sinjawskij und Julij Daniel Anfang 1966 war der erste Schriftstellerprozeß der Ära Breschnjew. Das Verhalten der beiden Männer vor Gericht aber hatte der Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegung die stärksten Impulse gegeben. Ausgerechnet Sinjawskij nun wird von dem in der Bundesrepublik lebenden Schriftsteller Wladimir Maximow beschuldigt, er beteiligte sich an einer „neorassistischen Kampagne“ gegen das russische Volk.