Bonn

Etwa vier Meter lang ist der Tisch, auf dem Spezialitäten aus Korea, der Türkei, Griechenland, den USA, Zypern und noch anderen fernen Ländern stehen. Ausländische Studenten haben ein Abschiedsfest für ihren Lehrer organisiert. Vorübergehend hatten sie bei dem älteren Herrn, der so ganz anders als seine Vorgänger war, Deutschunterricht. Er sagt über sie: „Es ist eine Freude, mit ihnen zu arbeiten, so hochmotivierte Schüler gibt es selten.“

Doch den meisten von ihnen ist gar nicht zum Feiern zu Mute. Denn sie sind beim ersten Anlauf, die Deutschprüfung für die Zulassung zu einem Studium in Bonn zu bestehen, gescheitert. Wenn sie noch einmal durchfallen, müssen sie zurück in ihre Heimatländer. Dann haben sie fast ein Jahr – rund sechs Monate dauert ein Kurs – von morgens bis abends Deutsch gelernt und viele tausende Mark ausgegeben. Dann besteht an ihnen „kein deutsches Interesse“, wie es in einem Papier der Rektorenkonferenz von Nordrhein-Westfalen heißt.

Aus dem Generalanzeiger erfuhren die ausländischen Studienbewerber, daß sie an der Bonner Universität eigentlich nichts zu suchen haben. Wigbert Holle, der Leiter des Akademischen Auslandsamtes, – meinte gegenüber dem Lokalblatt: „Die Elite der Studenten studiert nicht mehr in der Bundesrepublik“, und: „An ihrer Stelle haben wir jetzt einen Zustrom von Studenten, deren ‚Abiturszeugnisse‘ kaum einem Hauptschulabschluß bei uns entspricht. Hinzu kommt, daß sie nicht gelernt haben, wissenschaftlich oder überhaupt selbständig zu arbeiten.“

Verfaßt wurde der Artikel im Generalanzeiger von Helmut Hellberg, bis zu seiner Pensionierung im letzten Semester Dozent beim Akademischen Auslandsamt in Bonn. Er hält die Studenten aus dem Ausland nicht nur für dumm, sondern auch noch für „Marxisten“, wobei sie Karl Marx noch nicht einmal gelesen hätten. Denn „dazu würden ihre allgemeinen Kenntnisse auch nicht ausreichen“. Zum Schluß fragt er: „Warum studieren sie nicht in der DDR – was doch logisch wäre? Aber da gibt es ein Hindernis: Ihre marxistische Einstellung interessiert dort nicht.“

„Gerechtfertigt“ sei der Artikel, meint Wigbert Holle, wenn das mit den Marxisten auch ein wenig übertrieben sei. Gerechtfertigt „durch die neuen Bestrebungen der Bundesregierung“. Da sei „derselbe Duktus zu finden, wie er in dem Artikel zum Ausdruck“ käme.

Der Verfasser des Artikels ging noch einen Schritt weiter. Er ließ den Text in seiner Klasse verteilen und von den Ausländern durcharbeiten – 100 Prozent fielen in seiner Klasse durch die Prüfung. Wigbert Holle meint über ihn: „Ein langjähriger und pädagogisch hervorragender Mitarbeiter“.