Stuttgart

Frauenvereinigungen rufen hierzulande meist ein müdes Lächeln oder Aggressionen hervor. Alte Tanten, die seit dreißig Jahren larmoyante Wehklagen über weibliche Diskriminierung herunterbeten oder militante Feministinnen, die mit der lesbischen Freundin im Frauenhaus Dienst tun und ihre Großmutter zur mythischen Göttin erheben – das sind die Schreckbilder, an die sich die Öffentlichkeit gern hält.

Daß die Wirklichkeit meist ganz anders aussieht, bewies die Tagung des Deutschen Juristinnenbundes in der vorigen Woche in Stuttgart. Frauen jeder Couleur diskutierten über Lebensgemeinschaften, Steuersplitting und Jugendhilfe.

Zum Thema der „Nichtehelichen Lebensgemeinschaften“ sprachen die Justizrätin und Notarin Renate Lenz-Fuchs, eine ehrwürdige 71 jährige Profi-Dame der Zunft, und die linksliberale junge Renate Augstein-Thalacker. Ihr Stil, ihre Thesen, ihre Ergebnisse waren höchst unterschiedlich. Renate Lenz-Fuchs ist wegen der „Klarlegung der Verhältnisse“ für eine (freiwillige) Registrierung freier Partnerschaften, Renate Augstein-Thalacker ist im Interesse der Paare, die ihre Beziehungen „von innen heraus autonom gestalten wollen“, eher dagegen. Gegensätzliche Positionen also, aber ohne jegliche konfessionelle oder ideologische Untertöne, daher anregend und sinnvoll.

Heftige Kritik äußerten die Juristinnen am geltenden Ehegattensplitting bei der Einkommensteuer. Daß ein gut verdienender Ehemann mit kinderloser Hausfrau jährlich bis zu vierzehntausend Mark Steuern spart, eine alleinerziehende Mutter und ein geschiedener unterhaltspflichtig ger Vater dies aber nicht können, schien ihnen wenig sinnvoll. Sie suchten nach gerechteren Möglichkeiten des steuerlichen Familienlastenausgleichs. Dieses Thema ist angesichts der Bonner Finanzmisere von besonderer Aktualität. Vielleicht wäre es besser gewesen, die hier aufgeworfenen Fragen weiter zu vertiefen, anstatt in drei langen Referaten von Hertha Däubler-Gmelin, Adelheid Koritz-Dohrmann und Lise Funck-Brentano die bekannten Defizite in Sachen Gleichberechtigung in der Bundesrepublik, der DDR, ja in ganz Europa vor den versammelten Fachfrauen noch einmal auszubreiten.

Schwerpunkt der internen Arbeit des Juristinnenbundes war im vergangenen Jahr die Reform des Jugendhilferechts – auch dies ein Thema, das seit Jahren im Gespräch ist und immer wieder zu versanden droht Vorteile und Nachteile der guten (?) alten Fürsorgeerziehung, Möglichkeiten und Grenzen staatlichen Eingreifens in die Familienerziehung – solche Fragen beschäftigen die Politiker seit langem. Das geltende Jugendwohlfahrtsgesetz stammt schließlich in seinem Kern aus dem Jahr 1922. Der Entwurf der Bundesregierung zur Neuordnung dieses Rechtsgebietes löste vor drei Jahren den wütenden Protest der Opposition aus, die nicht ganz zu Unrecht den Hang zu unverständlichen Soziologismen und zum Hineinregieren des Staates in die Familien monierte.

In Stuttgart haben die Juristinnen nun einen sehr viel kürzeren, präzise formulierten und in der Sache moderaten Gegenentwurf vorgelegt, der demnächst gedruckt erscheinen soll. Sie vermeiden darin das Wort „Fürsorgeerziehung“, das den so umsorgten Kindern später als schwer zu tilgender Makel anhaftet. Insgesamt haben die Juristinnen nach der Devise: weg vom Heim nachgedacht. Schwer erziehbare Kinder sollen, wenn irgendmöglich, in einer Pflegefamilie oder einer therapeutischen Wohngemeinschaft untergebracht werden.