Von Reiner Bernstein

Dieser Band mit sechs Beiträgen zur Entstehung und Geschichte dessen, was in der Öffentlichkeit im allgemeinen unter dem Stichwort „Nahostkonflikt“ firmiert, unterstreicht schmerzlich, daß es auf Grund der deutsch-jüdischen Belastungen in der Bundesrepublik bei der fundierten Aufarbeitung der Frühzeit des Zionismus in Palästina sowie der britischen Mandatszeit bislang bei spärlichen Versuchen geblieben ist. Vor dem Hintergrund einer breiten, meist englischsprachigen Literatur, zu der zahlreiche jüdische und israelische Autoren beigetragen haben, ist deshalb diese Publikation doppelt wichtig:

Helmut Mejcher/Alexander Schölch (Hrsg.): „Die Palästina-Frage 1917–1948. Historische Ursprünge und internationale Dimensionen eines Nationenkonflikts“; Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1981, 259 S., DM 28,–.

Mit ihrem politologischen, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsansätzen ergänzt sie die stärker ideengeschichtliche „Entschlüsselung des Palästina-Konflikts“, wie sie etwa Dan Diner unternommen hat.

Ausgehend von Vorträgen auf dem 33. Historikertag in Würzburg geht der Band den historischen Ursprüngen und internationalen Dimensionen bis zur Gründung des Staates Israel nach. Die Einzelbeiträge von Alexander Schölch und Alexander Flores (Essen), Peter Freimark und Helmut Mejcher (Hamburg), Stefan Wild (Bonn) und Chairiyya Qasimiyya (Beirat) ermutigen zu der Hoffnung, daß die Zeit des polemischen Schlagabtauschs. zwischen . Trägern bestimmter nationaler Präferenzen sowie der politischen Bekenntnis- und Rechtfertigungsliteratur zu Ende geht. In den Vordergrund treten Untersuchungen, die der wissenschaftlichen Kritik standhalten können.

In den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen die Autoren die These, daß der Zusammenstoß zwischen dem politischen Zionismus und des sich an ihm profilierenden arabischen Nationalismus in Palästina ohne das Vordringen und die „Schutzpolitik“ Englands, Frankreichs, des deutschen Kaiserreiches und des zaristischen Rußlands seit Mitte des 19. Jahrhunderts sowie der USA seit dem Zweiten Weltkrieg nicht zu verstehen ist. Der zionistischen Führung von Theodor Herzl bis David Ben Gurion – die Position Chaim Weizmanns fällt aus diesem strikten Rahmen heraus – gelang es, das Ringen dieser Mächte um Einfluß in der Region zum eigenen nationalen Vorteil zu wenden. Der jüdische Holocaust in Europa bewirkte die Verstärkung der ohnehin angelegten internationalen Komponente des Konflikts im Nahen Osten, sie bot dem britischen Versuch der „systematischen Isolierung“ der krisenhaften Zuspitzung in Palästina seit den 30er Jahren erfolgreich Paroli.

Es wird geradezu zum Kennzeichen der Kalkulation internationaler Konstellationen und innenpolitischer Divergenzen in Großbritannien und dann den USA, daß sich die zionistische Bewegung zur Förderung ihres „Judenstaat“-Projekts, dem die deutschen Vorgänge von 1933 zum – Durchbruch verhalfen, wechselnder Partnerschaften bediente. Diese Politik ist auch nach Gründung des Staates Israel nicht aufgegeben worden: Ben Gurions berühmter Satz aus dem Jahr 1955, wichtig sei allein, was Juden tun, nicht, was Nichtjuden zu diesem oder jenem Thema sagen, illustriert ein zugespitztes politisches Denken, das später Golda Meir ebenso prägte wie heute Menachem Begin.