Wenn die Gedichte / einfacher werden / so zeigt das / nicht immer an / daß das Leben / einfach geworden ist.

Erich Fried: „Widerspiegelung“ – aus dem neuen Gedichtband „Lebensschatten“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

Das IDZ – am Ende?

Kein Einwand dagegen, daß der Staat im großen wie im kleinen gezwungen ist, zu sparen; gar keine Frage auch, daß die Kultur dabei nicht ausgelassen werden kann. Wenn nun aber gleich die Existenz eines an Originalität und Verdiensten reichen Instituts bedroht ist, kann der Streit darüber gar nicht laut genug sein: Der Berliner Senat hat beschlossen, die finanzielle Unterstützung von zur Zeit noch 650 000 Mark für das IDZ, das Internationale Design-Zentrum, zu halbieren, im Jahr darauf ganz zu beenden. Erstens, behauptet der Senat, habe das IDZ nicht die erhoffte internationale Ausstrahlung zu entwickeln vermocht, zweitens sei es eigentlich Sache der Wirtschaft, das doch nicht zuletzt ihren Interessen dienende Institut zu finanzieren. Diese Begründungen nötigen einem die Vermutung auf, daß die neue Berliner Regierung das IDZ überhaupt nur als Ausgabeposten des Wirtschafts-Senats, also gar nicht wirklich kenne. Die erste Behauptung ist so gut wie falsch, die zweite ist perfide, denn gerade das hatte das Design-Zentrum, seinem Namen trotzend, nie sein und werden wollen: Propaganda-Institut der (Export-)Wirtschaft. Es ist, schon konstitutionell, eine der Wirtschaft wie der Allgemeinheit unabhängig, also kritisch dienende Unternehmung, von der nicht zuletzt die Stadt Berlin oft genug selber dankbarer Nutznießer war. Es zum reinen Industrie-Institut zu verdrehen, widerspräche seiner Aufgabe. Aber einmal angenommen, das Abgeordnetenhaus folgte dem Senat: Es wäre nicht weniger traurig, wenn die „freie Wirtschaft“ nicht frei genug wäre, um den notwendigen jährlichen Betrag für den eigenwilligen Freund IDZ aufzubringen. Um einen Vergleich zu nennen: Allein die Weiterentwicklung eines Kotflügels für ein Serienauto kostet zig Millionen Mark, also das Vielfache.

Ein Glas auf Kupferberg

Heinrich Heine hätte ihm gewiß zum 80. Geburtstag am 29. September eine mehrstrophige Fest-Ballade geschrieben, denn der Verleger seiner Briefe wäre überhaupt ein Verleger nach seinem Herzen gewesen: Christian Adalbert Kupferberg ist nicht nur Inhaber eines Verlags, sondern auch Inhaber einer Sektkellerei. Daß sich hier zwei wunderbare Berufe auf das glücklichste ergänzen, zeigt die Liste der Publikationen des Verlags, mit dessen Gründung Christian Kupferberg die durch seinen Großonkel Florian 1818 begonnene Buchdruckertradition fortsetzte. Neben Publikationen zur Kunst der Antike und Spätantike, zu sakraler Kunst und Grünewald, zu Munch und Beckmann, neben der Neu-Edition der Bauhaus-Bücher, den Briefen Heines und den Erinnerungen des Diplomaten und Literaten André Francois-Poncet stehen Bücher über Bordeaux und Burgunder, die Weine Italiens und Portugals. „Wichtig“, so heißt es in einem der kleinen Kupferberg-Verlagsprospekte, „bleibt der persönliche Geschmack.“ „e. V.“

Sie trägt schwer an ihrem alten Namen; zwar hat er Tradition, aber keinen „Pep“, wie ihn das Kioskgeschäft verlangt: werk und zeit. So kennen nur wenige die Zeitschrift, aber viele der wenigen erwarten sie ungebrochen mit Neugier (und wundern sich schon lange nicht mehr darüber, daß die soeben erschienene Herbstnummer, obwohl keineswegs die erste Ausgabe dieses Jahres, die Nummer 1/1981 trägt). Gemacht wird sie von vier Frauen und vier Männern „nebenbei“, und das schließt Hingabe und Originalität, aber auch die Courage zum Improvisieren und zum Unperfekten ein. Hinzu kommt die Kunst, mit dem Geld so umzugehen, daß keiner merkt, wie wenig es ist. Das neueste Heft ist ein Musterbeispiel für diesen Journalismus, der die Beteiligten vor allem mit dem Spaß belohnt, den sie bei der Arbeit hatten. Titel des Heftes und sein Thema ist „e. V.“. Es handelt von der Macht der Vereine, von traditionellen, kuriosen, einflußreichen und harmlosen, unumgänglichen, alt- und neumodischen Vereinen. Das Heft hat nur wenig Bilder, aber ein originelles, deftiges Layout, Schwarz auf Weiß, und Artikel, die vor allem Witz und Verstand erkennen lassen. Über den Verein, der die Zeitschrift herausgibt, heißt es tapfer: „Satzungsgemäß: Hilflos.“ Es ist der Deutsche Werkbund.