Von Manuela Reichart

Was man sieht: Am Anfang läuft eine Frau durch ein Zimmer. Man sieht ihre Bewegungen, ihr angestrengtes Gesicht, den tristen Raum, Regale mit vielen Aktenordnern. Einen von 1979 zieht sie heraus, geht an den Schreibtisch, notiert etwas Unleserliche? als dritten Punkt auf einer Liste. Danach entdeckt die Kamera ein Photo; auf dem ist das Gesicht einer anderen Frau abgebildet, das Bild kommt immer näher, aufdringlich wird es benutzt als Überleitung zu einer Rückblende. Und nun weiß man: Die Frau aus dem Zimmer erinnert sich an die Frau auf dem Photo.

Vom Porträt der Frau im Schnitt auf das Gesicht eines kleinen Jungen: Der sitzt auf der Rückbank eines Autos, und man sieht die Landschaft, durch die er gefahren wird, mit seinen Augen; Erst guckt er durch das Rückfenster, dann zur Seite. Später schläft er ein. Er ist müde geworden von dem tristen, immer gleichen Ausblick, und er hat ein ruhiges Gesicht, auf dem die Kamera verweilt. Doch dann verläßt die Kamera die Konzentration auf das Kind. Nicht das einzelne, der Überblick zählt: jetzt sieht man das Auto durch die Landschaft fahren. Ein einziges Auto auf einer häßlichen Straße. Und man sieht, daß da ein R 4 fährt und die Landschaft trist ist. Später steht dasselbe Auto dann im Wald mit laufendem Motor, ganz allein zwischen den Bäumen, Da weiß man, der Mann (Luc Bondy), der kurz zuvor noch wie einer, der einen verzweifelten Mann spielen soll, durch eine Küche gelaufen ist, hat sich umgebracht. Selbstmord als Bild.

Als sich die beiden Schwestern Juliane (Jutta Lampe), die bei einer Frauenzeitschrift arbeitet, und Marianne (Barbara Sukowa), die Terroristin geworden ist, nach langer Zeit zum erstenmal wieder treffen, sitzen sie in der Cafeteria eines Museums; um sie herum stehen kopflose Figuren. Die beiden reden über die Wichtigkeit ihrer Arbeit, sie sind sich sehr fern. Bis sie die Haut in ihrer Kakaotasse sehen, da müssen sie lachen und sind sich sehr nah. Das könnte ein bedeutender Moment sein. Aber er ist weniger, denn er hat eine Bedeutung: Die Haut auf dem Kakao gehört in die Kindheit, die Kamera wechselt vom Blick in die Cafeteria-Tasse auf die Familientisch-Tasse 25 Jahre, früher: eine Rückblende. Ein anderes Mal liegt Juliane mit wachen Augen im Bett. Da weiß man, sie erinnert sich. Und das sieht man auch.

Als Juliane ihre Schwester zum erstenmal im Gefängnis besuchen will, wird sie durch viele Gitter und Türen in einen Raum zur Leibesvisitation gebracht. Die Kamera beobachtet genau ihre Bewegungen, ihr ungläubiges Staunen, als sie die Hose aufmachen muß, ihre Fußsohlen abgetastet werden. Schließlich wird; sie aufgefordert, den Pullover hochzuziehen; sie begreift nicht, was sie darunter verstecken könnte, zieht ihn trotzdem nach oben. Der Blick der Kamera folgt der Ausziehbewegung bis in das zugezogene Gesicht. Da wird eine zur Vermummten. Nur durch ein Detail. Aber das reicht der Regisseurin nicht, sie will den Zuschauern die nackte Wahrheit vor Augen führen und zeigt Jutta Lampes schönen Busen.

Als Juliane ihre Schwester zum letztenmal sieht, liegt Marianne mit entstelltem Gesicht in einem Sarg, Der wird bewacht von Polizisten und einem deutschen Schäferhund. Das ist ein Bild der Obszönität: Wie eine Tote noch als Gefangene behandelt wird. Aber dann spürt die Kamera das Gesicht der Toren auf, ganz nah und ohne Achtung führt sie die furchtbar zugerichteten Züge der Erhängten vor: Das ist ein obszönes Bild.

Erzählt wird die Geschichte zweier ungleicher Schwestern aus der Perspektive derjenigen, die überlebt hat. Ein einziges Mal wird das ganz deutlich: im Ton, Da ist Zeit vergangen zwischen zwei Bildern, und die wird von Mariannes Stimme im Off benannt. Vorher und nachher gibt es diese kommentierende Erzählerin nicht. Einmal wird ein Brief Mariannes aus dem Libanon verlesen. Sie redet darin von den Frauen und der Volksverbundenheit der Revolution dort. Das hört man. Zu sehen sind Kameraschwenks über Dächer (von Beirut?) und Marianne mit ihrem Freund und von der Sonne gebleichten Haaren in einem Jeep. Daß das, was da zu hören ist, und das, was man sieht, in der Vorstellung Juliane? zusammengehört, das kann man sich jetzt denken, aber nicht glauben.