Wie ein Hauptmann mit preußischen Tugenden einen Regierungschef zu Fall brachte

Von Karl-Heinz Janßen Es war nicht der Milchmann. Als um halb sieben in der Frühe des 24. April 1974 in der Godesberger Ubierstraße 107, erster Stock rechts, an der Wohnungstür geklingelt wurde, wußte Kanzleramtsreferent Günter Guillaume, was die Stunde geschlagen hatte. Noch barfuß und im Schlafanzug, aber ganz Herr der Situation, empfing er die drei salopp gekleideten Männer, die ihn verhaften sollten, mit einer unerwarteten Erklärung: "Ich bin Hauptmann der Nationalen Volksarmee. Bitte respektieren Sie meine Offiziersehre."

Früher endeten Offiziersspione vor einem Peloton auf dem Sandhaufen; heutzutage werden sie ausgetauscht. Der Hauptmann (und mittlerweile zum Oberst beförderte) Guillaume wurde zwar nicht als Kriegsgefangener oder Ehrenhäftling behandelt, sondern regelrecht eingelocht, neben Mördern und Strauchdieben. Trotzdem kann er nach siebeneinhalb Jahren Gefängnis mit seinem Schicksal zufrieden sein. Jene Spionin, die der westdeutsche Geheimdienst Anfang der fünfziger Jahre im Büro des DDR-Ministerpräsidenten untergebracht hatte, mußte nach der Enttarnung ihren Kopf unters Fallbeil legen.

Hierzulande flicht man Agenten keine Kränze; drüben ist das anders: Die "Kundschafter des Friedens", die "Helden an der unsichtbaren Front" werden öffentlich geehrt, dürfen sich vaterländische Verdienstorden an die Brust heften und, bei vorzeitiger Rückkehr, ihren angesammelten Sold vom Bankkonto abheben – ein ruhiger Lebensabend ist gesichert.

Guillaume war vielleicht nicht so erfolgreich wie jener (längst ausgetauschte) Heinz Felfe, der sich in der obersten Etage des Bundesnachrichtendienstes eingenistet hatte, oder jene Sekretärin Renate Lutze aus dem Bundesverteidigungsministerium, die nun gleichfalls auf der Befreiungsliste steht. Doch er ist der berühmteste DDR-Agent. Der Spion, der einen Kanzler stürzte – so wird er in die deutsch-deutschen Geschichtsbücher eingehen, auch wenn ihm die Historiker und Publizisten da zuviel Ehre antun. "Mein Gott, mein Gott", soll Guillaume ausgerufen haben, als ihm Vernehmungsbeamte den Rücktritt Willy Brandts bekanntgaben, "das habe ich nicht gewollt!" Er hatte es nicht einmal ahnen können; sowenig wie seine Auftraggeber in Ostberlin oder die sozialdemokratischen Freunde des Kanzlers. Guillaume war nicht die Ursache, einzig der Auslöser des Kanzlersturzes.

Willy Brandt, Friedensnobelpreisträger und glänzender Wahlsieger von 1972, fiel, als sein Ruhm welk geworden. Binnen eines Jahres hatte er – teils durch eigene Unzulänglichkeiten, teils durch fremdes Zutun seinen öffentlichen Kredit verspielt. Die eigene Partei lief ihm aus dem Ruder; Ölkrise und Rohstoffverteuerung erstickten den Reformeifer; Fluglotsen und Klunckers öffentlich Bedienstete ließen den Staat als hilflosen Popanz erscheinen; Wirtschaft und Presse begannen zu murren; Hamburgs Wähler verpaßten der SPD einen Denkzettel; Superminister Helmut Schmidt geizte nicht mit Kritik am Idol Brandt ("Wenn er keine Lust mehr zum Regieren hat, soll er doch gehen"); Fraktionschef Herbert Wehner blies aus dem fernen Moskau zum Jagen ("Der Herr badet gern lau"). Noch flüchtete sich Willy Brandt in die Hoffnung, durch eine rigorose Regierungsumbildung das Blatt zu wenden, da ereilte ihn, nach der Rückkehr von einem Staatsbesuch in Kairo, die Nachricht von der Verhaftung seines Referenten.

Brandt und jene paar Ratgeber, die Bescheid wußten, hätten Monate Zeit gehabt, sich auf diesen Fall vorzubereiten. Denn sie waren vorgewarnt. Statt dessen ließen sie erst einmal 36 Stunden lang die Gerüchteküche schmoren. Als der Kanzler vor den Bundestag trat ("Es gibt Zeitabschnitte, da möchte man meinen, daß einem nichts erspart bleibt"), bagatellisierte er den Fall: Referent Guillaume sei nie mit Geheimakten befaßt gewesen. Das war schon eine arge Zumutung an die Intelligenz des Volkes – auch wenn der Spion nie ein Aktenstück hätte lesen können, reichte es doch voll und ganz, was er den ganzen Tag im Kanzleramt hören konnte. Aber Brandt hatte – wie er sagt, unbewußt – die Unwahrheit gesagt. Bei einem Sommerurlaub 1973 in Norwegen waren vier vertrauliche und zwölf geheime Fernschreiben durch Guillaumes Hände gegangen, eines – ein Brief an Präsident Nixon – mit der höchsten Nato-Geheimstufe "Cosmic".