Auch für den Immobilienfachmann Ohlwein sind die in Jansens Brief geltend gemachten Mietforderungen "wirtschaftlich unsinnig", ja "wahnsinnig". Er versichert; daß er von dem Schreiben des Anwalts erst nachträglich erfahren habe. Er habe noch versucht, es zurückzuholen. "Das Ganze hat mich überrollt", klagt er nun.

Ohlweins Gesellschaft, hat das Haus im vergangenen Jahr für einige Millionen Mark erworben. Die Frage, ob dies überwiegend mit Fremdmitteln geschehen sei, verneint Ohlwein. Nach Angaben von Mietern war der Verkäufer die Caritas, der das unter Denkmalschutz stehende Anwesen offenbar vererbt worden war. Ohne Zweifel ist das Haus mit der schmucken Fassade ideal gelegen, an der inneren Peripherie der Stadt zwischen Isar und Englischem Garten. Doch geht viel Autoverkehr durch die Emil-Riedel-Straße: Sie ist relativ laut.

Davon stand natürlich nichts in dem blumigen Prospekt, mit dem Käufer für die Wohnungen des "H & O-Individual-Haus-Bauherrenmodell" geworben werden sollte: Hinter der "gediegenen Jugendstil-Fassade" werden, so hieß es da, "in einem grundsoliden Bau aus dem Jahr 1910... Wohnungen mit persönlicher Note, mit hellen, hohen, stilvollen Räumen entstehen"; in einer Straße, die "ein echter Tip ist: Ärzte, Adelige, Architekten, Rechtsanwälte, Werbeleute, Künstler, Pop-Photographen und solide Kaufleute wählen sie seit Jahren als bevorzugte Anschrift".

Die 16 Mietparteien des solcherart angepriesenen Hauses (dessen schlichtes Rückgebäude sich im übrigen recht kraß vom attraktiven Vorderhaus unterscheidet) nahmen dieses Angebot natürlich mit recht gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Nur wenige von ihnen dürften in der Lage sein, einen Kaufpreis von mehr als 400 000 Mark je Wohnung aufzubringen. Ihre Nerven wurden seit Monaten strapaziert. Einige von ihnen nahmen die angebotene Abfindung, die Ohlwein mit 30 000 Mark angibt, bereits an und erklärten sich bereit, auszuziehen.

Anwalt Jansen hatte in der letzten Woche von "acht oder neun Abgefundenen" gesprochen. Dies wird von Rechtsanwalt Christian Ude, der zehn zu einer Mietergemeinschaft zusammengeschlossene Parteien vertritt, aber bestritten. Ude, ein engagierter Sozialdemokrat, der dem Münchner SPD-Vorstand angehört, hatte die Forderung des Vermieteranwalts ebenso schroff wie juristisch ausgefeilt zurückgewiesen: "Solange von Ihrer Seite mit derartigen Methoden Druck erzeugt wird, sind meine Mandanten. nicht zu einer direkten Kontaktaufnahme bereit."

Offenbar sollten die Mieter "mit der Androhung eines empfindlichen Übels zu einem bestimmten Verhalten (Kauf oder Auszug) gestimmt werden" – der kaum versteckte Vorwurf der Nötigung,

Nach Meinung Udes zeigt dieser "Bluff" so klar wie bisher kein anderer Fall, welch eine "Mißgeburt" der Gesetzes-Paragraph 5 darstellt, da er zum unkontrollierten Mißbrauch geradezu herausfordere. Es sei die Pflicht des Gesetzgebers, diesen "Sündenfall" schleunigst zu korrigieren und den anstößigen Paragraphen ersatzlos zu streichen, da er den Mietern die Folgen der Hochzinspolitik gleich doppelt auferlege – "einmal in Gestalt des allgemein steigenden Mietzinsniveaus und dann auch noch zusätzlich in Form der Umlage der Kapitalkostensteigerungen". Das Gesetz kombiniere hier die Marktmiete mit einem Bestandteil der Kostenmiete, und das sei "unmöglich".