Von Hans Otto Eglau

Ich würde gern 200 Jahre leben, um zu sehen, was aus den heutigen Ansätzen wird", offenbarte Hannsheinz Porst vor zwei Jahren dem Schriftsteller Gerhard Zwerenz in einem Interview. In der Zwischenzeit ist es für den fränkischen Unternehmer zur Gewißheit geworden, daß seine bis heute zurückgelegten 58 Lebensjahre dazu schon reichen: Das Porst-Modell eines "Mitarbeiterunternehmens" mit weitgehenden Mitbestimmungsrechten der Belegschaft auf allen Ebenen ist tot.

Fast genau zehn Jahre nachdem er in einem feierlichen Akt in der Nürnberger Meistersingerhalle den größten Teil seines Photohandels-Unternehmens an die Porst-Beschäftigten verschenkte und sich seinen 1400 Untergebenen als künftiger Mitarbeiter empfahl, sieht sich der erklärte Marxist auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeworfen: Die Schweizer Firma Interdiscount Holding, die der vom Gewinnkurs abgekommene Reformer in höchster Not als neuen Großaktionär ins Haus holte (die Fribourger Ladenkette beteiligt sich an Porst mit 48 Prozent) bestand auf der Anullierung der wohl weitestgehenden Mitarbeiter-Befugnis, nämlich der Möglichkeit einer Abwahl ihrer direkten Vorgesetzten. Betriebsrats-Chef Hans Wagner: "Porst ist wieder ein ganz normaler Photoladen."

Die Demontage des von seinem Urheber als Durchbruch in eine menschlichere Arbeitswelt gepriesenen Porst-Modells hatte in Wahrheit schon Anfang des Jahres begonnen, als die Bilanzierung von Millionen-Verlusten Hannsheinz Porst zu beherztem Handeln zwang. Für das wichtige Ressort Handel verpflichtete er – zunächst als Berater, inzwischen jedoch mit Festanstellung – den früheren Porst-Chef Dieter Reiber, der das Unternehmen aus Verärgerung über seinen ebenso eigenwilligen wie sprunghaften Chef 1973 verlassen hatte. Im Getümmel des Krisen-Managements fiel kaum auf, daß der für die Porst-Politik verantwortliche Beirat, in dem die Mitarbeiter über die Mehrheit verfügen, gar nicht mehr zusammentrat. In der an seine Stelle tretenden Gesellschafter-Versammlung werden die Interdiscount-Manager und der mit einer Mini-Beteiligung von vier Prozent in die Firma eintretende Reiber ohnehin kraft ihrer gemeinsamen Majorität mögliche Reformgelüste Porsts und der Mitarbeitergesellschaft (beide, verfügen künftig jeweils über 24 Prozent) unter Kontrolle halten.

Um jeden Zweifel an der neuen Politik des Hauses von vornherein auszuräumen, wurde die "Arbeitsgruppe zur Fortentwicklung des Porst-Modells" noch vor dem Einzug der Schweizer geräuschlos aufgelöst. "Für uns ist die Beteiligung der Mitarbeiter wie die jedes anderen Kapitalgebers", charakterisiert Erich Traber, starker Mann bei Interdiscount, mit eidgenössischer Kühle die Weltanschauung der neuen Herren.

Ob Hannsheinz Porst (ein Firmensprecher: "Er ist tief depremiert") mit seiner faktischen Entmachtung für seine philanthropischen Experimente büßen, läßt sich selbst für langjährige Mitarbeiter des vollbärtigen Firmen-Revolutionärs nicht mit Sicherheit abschätzen. Sicher ist, daß ein üppiges, mit Kapital ausgestattetes Unternehmen die mit der ständigen Einführung neuer Reformen verbundenen Reibungsverluste leichter verkraftet hätte.

Ebenso unbestreitbar ist aber auch, daß der durch sein Beteiligungsmodell offenbar unter Erfolgszwang stehende Porst seinen Mitarbeitern und stillen Teilhabern in den guten Jahren zwischen 1976 und 1979 viel zu hohe Gewinne gutschrieb. Eine kräftigere Stärkung der Reserven hätte um so mehr nahegelegen, als die überdurchschnittlichen Erträge in erster Linie besonderen Marketingaktionen im einträglichen Bildergeschäft (Porsts "goldene Karte") zu verdanken waren, die nicht für alle Zeiten goldene Geschäfte verheißen konnten. Die Quittung erhielten die Porst-Mitarbeiter verspätet: Ihre Freude über die auf ihren Konten bis heute aufgelaufenen Gewinne von durchschnittlich 12000 bis 14 000 Mark wurde in diesem Jahr durch eine Verlustzuweisung von 2000 Mark für 1980 erheblich getrübt.