Von Ria Endres

Ingeborg Bachmann, eine in den fünfziger Jahren gefeierte Dichterin, ist am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen einer Verbrennung gestorben. Zu diesem Zeitpunkt war sie längst zu Tode gelobt; ihrem Schweigen und ihren wenigen Publikationen ab 1961 begegnete die Literaturkritik mit immer größerer Zurückhaltung und Hilflosigkeit. Das gilt besonders für ihren vor zehn Jahren erschienenen Roman „Malina“, der sich untauglich für ein „come back“ erwies. Und der Tod der Autorin schien ein Signal zu sein für das Verschwinden ihres in jedem Fall unzeitgemäßen Werks aus einer aktuellen und lebendigen Rezeption.

„Malina“ ist nach den Worten von Ingeborg Bachmann nicht weniger als „ausdrücklich eine Autobiographie, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Eine geistige, imaginäre Autobiographie. Diese monologische oder Nachtexistenz hat nichts mit der gewöhnlichen Autobiographie zu tun, in der ein Lebenslauf und Geschichten von irgendwelchen Leuten erzählt werden.“ Ingeborg Bachmann hat Grund, sich gegen die „gewöhnliche Autobiographie“ zu wehren; ihre eigene Biographie existiert vor allem als Karriere, die sie bis zum schnellen Berühmtwerden ohne Rücksicht vor allem gegen sich selbst betrieben hat. Berühmt wird sie, als im August 1954 Der Spiegel ihr den Titelbericht und das Titelphoto widmet. Es zeigt das ernste Gesicht der 27jährigen Dichterin, einen dunkel geschminkten Mund, die Augen scheinen einen fernen Punkt zu durchdringen. Der unerbittliche Kurzhaarschnitt, der hochgeschlossene schwarze Kragen: Ein existentialistiauch Pathos ist unverkennbar. Und dazu passen auch die beiden Hauptthemen ihrer Dichtung: Liebe und Liebesklage.

Doch um diese Version einer „ungewöhnlichen“ Biographie geht es in „Malina“ ebenfalls nicht. Von diesem Roman aus schärft sich der Blick für ein weiteres Thema ihrer Prosa, Hörspiele, Lyrik: für eine weibliche Subjektivität im Spannungsverhältnis von Liebe und Tod.

Bis zur Erzählung „Undine geht“ ist die Begegnung der Geschlechter geprägt von einer gefährlichen Tendenz des Scheiterns, des Rätsels, der Unbegriffenheit. Die Liebe als Wahnidee, als Fiktion, eine immer scheiternde Utopie, eine Ekstase der Unmöglichkeit.

Undine klagt an, bevor sie ins Wasser zurück und in den Tod geht, und sie erfährt die Erkenntnis am eigenen Leib: Es ist der Geliebte, der die Frau umbringt. In „Malina“ werden für diese grausame Wahrheit minuziös die „Beweise“ zusammengetragen. Ingeborg Bachmann weiß: Dieser Prozeß über Leben und Tod wird in der Welt der Sprache geführt.

Sprache ist von ihren Ursprüngen her gesehen magisch und zweigeschlechtlich. Das Schreiben der Ingeborg Bachmann hat ganz direkt und schmerzvoll mit dieser Zweigeschlechtlichkeit zu tun. Mit den beiden exponierten Patriarchen der neuzeitlichen Philosophie, die die Sprache zu ihrem Thema gemacht haben, und die beide in deutscher Sprache denken, hat sie sich kritisch auseinandergesetzt: Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein. Für die angehende Dichterin bildete der zentrale Satz Wittgensteins: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, eine Herausforderung. Als Grenze der Welt faßt sich nach Wittgenstein das denkende Ich auf, das sich der Unzulänglichkeit und Ohnmacht seiner Sprache bewußt ist. Ihm bleibt immer die Erkenntnis aus dem „Tractatus“: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ Diese Aussage bedeutet in der Konsequenz den Tod jeder Dichtung. In einem Aussagesatz wird von etwas oder über etwas gesprochen, zum Beispiel über die Welt; die Dichtung hingegen spricht sich selbst. Der Dichter erzeugt selbst ein Stück Welt. Dieses geschriebene Stück Welt umschließt auch das Mythische, das Wittgenstein das „Unaussprechliche“ nennt, also etwas, was nach Wittgenstein nicht in Worte gefaßt werden kann. Für Ingeborg Bachmann ergibt sich daraus der Schluß: Die dichterische Sprache geht in ihrer Darstellungskraft und ihrer Erkenntnismöglichkeit über die philosophische Sprache hinaus, da sie das Mythische, also das „Unaussprechliche“ auszusprechen vermag. Heidegger hatte unter dem Anspruch, Denker zu sein, philosophisches und dichterisches Sprechen verschmolzen; an Wittgenstein geschult mußte Ingeborg Bachmann jedoch auf der Trennung bestehen und in ihrem Erkenntnisinteresse am Primat der dichterischen Sprache festhalten.