Die amerikanische Delegation bei den Genfer Nachrüstungsverhandlungen wird Paul Nitze leiten: ein straffer elder statesman von 74 Jahren, Archetyp des Ostküste-Establishments – Harvard, Wall Street, altes Geld; seit Jahrzehnten in vielerlei Funktionen eine allgegenwärtige Eminenz auf Washingtons politischer Bühne – Planungschef im State Department, Marineminister, stellvertretender Verteidigungsminister, Salt-Chefunterhändler; in jüngster Zeit Amerikas schärfster "Falke", Gegner von Salt II, Gründer des kaltkriegerischen Committee on the Present Danger.

Wie der Zufall so spielt, sitzen damit drei ausgesprochene Abrüstungs-Skeptiker an den Schaltstellen der amerikanischen Rüstungskontrollpolitik: Eugene Rostow an der Spitze der Abrüstungsbehörde, General a. D. Edward Rowny als neuer Salt-Unterhändler, und nun Paul Nitze im Mittelstrecken-Ring. Alle drei trauen den Sowjets alles zu, dem Westen nichts. Alle drei plädieren für strategische Aufrüstung. Alle drei halten Entspannung für Beschwichtigung.

Aber Paul Nitze ist ein "Falke" besonderen Typs. Er strahlt immensen persönlichen Charme aus; er ist ein guter Zuhörer; seine Intelligenz besticht. Auch ist er stets für eine Überraschung gut. So war er Anfang der sechziger Jahre dagegen, US-Militäreinheiten nach Vietnam zu schicken. Und vor vierzehn Tagen verblüffte er eine internationale Strategenkonferenz mit der Bemerkung, er fände ja, daß die westlichen Nachrüstungs-Raketen am besten auf See stationiert würden – ob sich denn wohl der Bundeskanzler dazu verstehen könne? Th. S.