Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, in den sechziger Jahren, war Friedrich Heer alles dies nebeneinander: Universitätslehrer, Buchverfasser, Chefdramaturg des Burgtheaters, Herausgeber, Kolumnist, Publizist, aktiver Teilnehmer an nicht zählbar vielen Kongressen und Colloquien. Diese selbst für österreichische Verhältnisse beängstigende Betriebsamkeit machte ihn in Wien zu einem belächelten Hans Dampf, besorgte ihm den bissigen Beinamen "Neben-Heer", und außerhalb Österreichs, in der für Österreichs Intelligentsia nach wie vor marktentscheidenden Bundesrepublik, geriet er in den Ruch eines wissenschaftlichen Schwadroneurs, worauf sich ihm bald eine Verlagstür nach der anderen verschloß.

Solche Beurteilung ist ungerecht. Man mag gegen die häufig chaotische Arbeits- und Darstellungsweise dieses Autors hundert Einwände erheben: auszugehen ist immer von seiner subjektiven Redlichkeit, und immer auch wird in aller Wirrnis des von ihm Vorgetragenen eine überraschende, eine im freundlichen Wortsinn unerhörte Erkenntnis aufscheinen.

So geschehen etwa in dem Buch "Der Glaube des Adolf Hitler" von 1968. Hier wurden die dunklen geistigen Herkünfte des Braunauer Diktators aus. dem österreichischen Volkskatholizismus nachgewiesen, und der hatte nun gar nichts Plebejisch-Progressives, er war vielmehr bloß dumpf, repressiv und antisemitisch. Ohne Heers Vorarbeit hätten die Hitler-Bücher von Fest und Haffner in den die Herkunft betreffenden Passagen kaum verfaßt werden können.

Heers Hinneigung zu diesem Thema erfolgte aus einer doppelten Betroffenheit: der des Österreichers, der des Katholiken. Beide Male ist ihm Hitler, im Sinne Thomas Manns, der "Bruder". Friedrich Heer ist, was man in Deutschland einen Links-Katholiken nennen würde; und ist in der heutigen Bundesrepublik deren Häuflein schon klein, so ist es im viel kleineren Österreich geradezu winzig: es besteht, hat es den Anschein, nur immer aus dem einen und einzigen Friedrich Heer.

Der inzwischen Fünfundsechzigjährige hat ein neues Buch herausgebracht. Nach Wollen und Wähnen seines Verfassers möchte es wohl als opus magnum verstanden werden:

Friedrich Heer: "Der Kampf um die österreichische Idendität"; Hermann Böhlaus Nachf., Wien-Köln-Graz 1981, 562 S., 78,– DM.

Das Buch präsentiert sich zunächst mit allen Unarten Heerscher Darstellungsweise. Es ist überladen mit Fakten, Zahlen, Zitaten und Anekdoten. Es verhüllt sein Thema mehr, als es zu illuminieren, und es erzählt mit einer Atemlosigkeit, die bloß noch danach fragen läßt, ob und wo denn das alles wohl endet.