Es geschah während eines Empfanges in Zürich: Der Manager eines Großunternehmens erregte sich über die "feige Regierung"; der Bankier machte seinem Ärger über die "dummen Gewerkschaften" Luft; beide zusammen schimpften auf die Jugend und schüttelten dann den Kopf über die Uneinsichtigkeit breiter Bevölkerungskreise.

Anlässe für ein so unschweizerisches Betragen gibt es derzeit genug: Helvetiens "Landesväter", wie der Volksmund, die sieben Bundesräte bezeichnet, haben sich in einer verklausulierten Erklärung gegen den Bau des Kernkraftwerks Kaiseraugst bei Basel ausgesprochen. Zuvor hatte Richard Müller, der oberste Schweizer Gewerkschafter, beteuert, er werde "nötigenfalls auf die Barrikaden steigen", um den vollen Teuerungsausgleich für die Arbeitnehmer durchzusetzen. Dem Nimbus, eine friedliche Insel in einer verrückten Welt zu sein, haben die seit über einem Jahr mal schwelenden, mal auflodernden Jugendunruhen geschadet. Und der Schweizer Franken ist auch nicht mehr, was er einmal war.

Das Unbehagen der schweizerischen Wirtschaft faßt Louis von Planta, der die Geschicke des Basler Chemieriesen Ciba-Geigy leitet und dem Dachverband der Schweizer Industrie vorsteht, mit folgenden Worten zusammen: "Die Schweiz hatte während mehrerer Jahre den Ruf, sich durch besondere Stabilität auszuzeichnen. Diese besteht nun aber in verschiedener Hinsicht nicht mehr. Auch wir werden in den Inflationsstrudel gezogen, und in politischer Hinsicht machen sich starke Anzeichen von Polarisierung bemerkbar."

Der legendäre helvetische Arbeitsfriede, der auf einem bereits 1937 geschlossenen Friedensabkommen beruht, steht in der Tat vor einer schweren Bewährungsprobe. Und die traditionell guten Beziehungen zwischen Regierung und Wirtschaft kühlten sich in den letzten Monaten merklich ab. Die Jugendkrawalle bereiten den Bankiers schlaflose Nächte.

Eine Bankengruppe soll deshalb insgeheim eine Million Schweizer Franken für die Einrichtung eines Jugendzentrums angeboten haben. Das Geld wäre gut angelegt gewesen, denn die Bankiers von der Bahnhofstraße hatten ihre liebe Müh, die verängstigte Auslandskundschaft zu beruhigen. Noch heute ärgern sie sich über die angeblich "reißerische Berichterstattung" in der Weltpresse. In bankinternen Lageberichten wird mit langfristigen Auswirkungen auf das "Image" des Finanzplatzes Schweiz gerechnet.

Noch ehe der Schock überwunden war, ereilte die Eidgenossen neues Ungemach: Ende August wurden die bisherigen Musterschüler im Lehrfach "Inflationsbekämpfung" von ihren deutschen Nachbarn überflügelt. Die Geldentwertung ist 1981 von knapp 5 Prozent auf empfindliche 7,4 Prozent emporgeschnellt. Schon malen Pessimisten die Gefahr einer zweistelligen Inflationsrate an die Wand. Noch tröstet Wirtschaftsminister Fritz Honegger sich und seine Eidgenossen mit dem Hinweis, ein Vergleich zur Bundesrepublik und ihren 6 Prozent Inflation sei irreführend, weil die Teuerung bei Heizöl und Benzin vom deutschen Preisindex nicht ausreichend erfaßt werde. Auch der Kursanstieg des Dollar, der die Importpreise mit sich in die Höhe riß, muß zur Erklärung herhalten. Dennoch besteht kein Zweifel: Die schweizerische Inflation ist auch zu einem guten Teil "hausgemacht".

Aber nicht nur die Inflation bedroht die Stabilität. Die Schweiz, die einen von zwei Franken im Ausland verdient, hat sich zwar erstaunlich lange dem Sog der internationalen Rezession entziehen können. Doch 1982 wird auch in der Schweiz Wachstum ganz klein, Rezession recht