Gewinn aus Müll

Es werde nicht mehr lange dauern, orakelten Umweltforscher in den letzten Jahren immer wieder, und die Menschheit werde in ihrem eigenen Müll ersticken. Alle Bemühungen zur besseren Müllentsorgung konnten solche Prophezeihungen bisher nicht widerlegen.

Müllverbrennungsanlagen, so wurde schnell klar, lassen mir auf den ersten Blick Berge von Unrat verschwinden. Schnell stellte sich heraus, daß bei der Verbrennung von Haus- und Gewerbemüll allerhand Produkte verheizt wurden, deren Rückstände die Umwelt oft stärker belasten, als wenn sie einfach auf einer Deponie vermodern. Das Heraustrennen dieser Schadstoffe aus dem Müll erwies sich als kostspielig, technisch schwierig, wenn nicht gar als unmöglich. Auch das Modell der rekultivierten Mülldeponien hatte seine Tücken. Noch jahrelang nach dem Zuschütten einer Müllhalde entwickeln sich in ihr nämlich Gärgase, die unkontrollierbar ganze Gebiete regelrecht absacken lassen oder aufwerfen können.

Deshalb wurde immer wieder über eine Rohstoffrückgewinnung nachgedacht. Doch die Kosten für eine effektiv arbeitende Rohstoffrückgewinnungsanlage erschienen derart hoch, daß kaum jemand ernsthaft an ein solches Projekt heranzugehen wagte. Außerdem fehlte es an einer geeigneten Technik. Daß sich die Probleme doch lösen lassen, soll aber jetzt mit dem "Neusser Modell" bewiesen werden, der ersten Rohstoffrückgewinnungsanlage der Bundesrepublik, die in großtechnischem Maßstab verwertbare Stoffe aus dem Wohlstandsmüll sortiert. Die Initiative dazu kommt von einem privaten Unternehmen.

1975 hatte die niederrheinische Stadt Neuss (120 000 Einwohner) die Verantwortung der Müllentsorgung der privaten Firma Trienekens übertragen. Sie berief sich dabei auf den Paragraphen drei des des Abfallbeseitigungsgesetzes, der eine derartige Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und privatem Unternehmen ermöglicht.

Zwei Jahre später begann die Firma an Plänen für eine Rohstoffrückgewinnungsanlage zu arbeiten. Dazu wurde zunächst die Zusammensetzung des Neusser Mülls gründlich untersucht. Als die Ergebnisse vorlagen, war man sicher, daß man mindestens die Hälfte des im Müll enthaltenen Papiers, achtzig Prozent des Eisens, fünfzig Prozent der Nicht-Eisenmetalle und sechzig bis siebzig Prozent der Kunststoffe wiederverwertbar ausfiltern könne. Als auch die dafür notwendigen Maschinen entwickelt waren, präsentierte das Unternehmen seine Ergebnisse dem Bundesminister für Forschung und Technologie in Bonn. Dort befand man, daß die Idee einen Zuschuß aus dem Programm für Zukunftsinvestitionen verdient habe. Fünf Millionen Mark wurden aufgebracht.

Schon neun Monate später stand die Anlage auf der Deponie der Stadt Neuss – eine problemlose Geburt, wie die ersten Probeläufe bestätigten. Am 2. Oktober soll sie durch Bundesforschungsminister Andreas von Bülow offiziell eröffnet werden.

Nur knapp zwanzig Millionen Mark hat dieses Pilotprojekt von der Planung bis zur Fertigstellung insgesamt gekostet – ein unglaublicher Preis angesichts der derzeit üblichen Baukosten für vergleichbare Anlagen. Ermöglicht wurde dieser Preis allerdings nicht nur dadurch, daß keine Bürgerinitiative den Bau verzögerte, sondern auch deshalb, weil alle beteiligten Firmen und Maschinenlieferanten zu Sonderkonditionen für dieses Pilotprojekt bereit waren.

Gewinn aus Müll

Was für diesen Preis errichtet wurde, verblüfft auch Müllfachmänner. Der Produktionsablauf wurde in einen Gewerbe- und einen Hausmüllstrang unterteilt. In der Hausmüllstraße wird eine Papiermasse erzeugt, die in ihrer Qualität zwischen den handelsüblichen Sorten Zeitungspapier und Mischpapier liegt. Davon werden etwa zwölf- bis dreizehntausend Tonnen pro Jahr erzeugt. Weitere sechs- bis siebentausend Tonnen Papier wird die Sortierung des Gewerbemülls abwerfen.

Aus dem Gewerbemüll werden aber vor allem Kunststoffolien herausgefiltert. Sie werden zu Ballen gepreßt und an die weiterverarbeitende Industrie geleitet – etwa fünfhundert bis achthundert Tonnen im Jahr. Plastikfolien aus dem Hausmüll haben eine geringere Qualität, da sie oft mit organischen Bestandteilen verschmutzt sind.

Neben den Folien werden aus dem Industrie- und Hausmüll weitere Kunststoffe aussortiert. Insgesamt beträgt deren Aufkommen jährlich etwa vier- bis fünftausend Tonnen. Der wiedergewonnene Eisenschrott ist von solcher Qualität, daß er sofort ohne Nachbehandlung wieder vertrieben werden kann. Es wird mit fünf- bis sechstausend Tonnen im Jahr gerechnet.

Sehr schwierig und zeitraubend ist das Ausscheiden von Glas aus dem angelieferten Müll, Die üblichen verfahrenstechnischen Trennprozesse versagen hier. Deshalb kommt dafür ausschließlich die Handsortierung in Betracht.

Nachdem, alle diese Stoffe aus dem angelieferten Müll herausgetrennt wurden, bleiben fast ausschließlich organische Abfälle übrig. Sie werden kompostiert und sollen später bei einer Rekultivierung der Neusser Deponie verwendet werden. Sie kann jetzt allerdings viel länger genutzt werden, weil durch das Aussortieren wieder verwendbarer Stoffe nur noch eine sehr viel kleinere Menge Müll gelagert werden muß. Experten rechnen mit einer Verdrei- oder Vervierfachung der Lagerkapazität. Mindestens ebenso wichtig ist, daß durch das Aussortieren ein großer Teil der Stoffe von den Deponien ferngehalten wird, die sonst das Grundwasser gefährden könnten.

Die Rückgewinnung bietet neben der Altpapiergewinnung auch die Möglichkeit, sogenannte Brennstoffpellets zu erzeugen. Dieser Brennstoff aus Müll, im Fachjargon BRAM genannt, hat einen Energiegehalt, der dem der Braunkohle entspricht. Es wäre technisch möglich, zwischen dreißig und vierzig Prozent des anfallenden Mülls in Brennstoff umzuwandeln.

Der Neusser Prototyp einer wirtschaftlich wirkungsvollen Rohstoffrückgewinnungsanlage hat für alle Beteiligten ausschließlich Vorteile. Die Firma Trienekens hat sich – mit Unterstützung des Ministeriums für Forschung und Technologie – einen kaum mehr einzuholenden Entwicklungsvorsprung gesichert. Das Ministerium hat für relativ wenig Geld ein respektables Aushängeschild bekommen, und die Neusser Bürger brauchen nicht mehr zu befürchten, daß sich ihre Mülldeponie, die nur fünf Kilometer vom Stadtkern entfernt liegt, immer weiter ausbreitet. t&f