Der Durchschnittsbürger hat phantastische Vorstellungen über die Höhe der Gewinne

Wenn eine Hausfrau einkauft und dem Händler zur Begleichung der Rechnung einen Hundertmarkschein auf den Ladentisch legt, dann erwartet sie, daß dieser davon 31,60 Mark für sich allein einstreicht. Und wenn sich ihr Mann einen Rasierapparat oder ein neues Auto kauft oder sich den Tank mit Benzin oder Heizöl füllen läßt, dann nimmt er wohl an, daß der Hersteller daran glatte 36,4 Prozent Reinverdienst hat, von denen allenfalls das Finanzamt noch etwas abzwackt.

Zu diesen Schlußfolgerungen muß kommen, wer sich die Ergebnisse einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer Koblenz ansieht. Aus den Antworten von über tausend Straßenpassanten wurden die genannten Durchschnittswerte errechnet.

Natürlich schwankten die Angaben über die vermutete Höhe der Profite stark. Teilt man die Antworten grob in Gruppen auf, dann stellt sich heraus, daß nicht einmal jeder Zehnte der Befragten mit seinen Schätzungen in die Nähe der tatsächlichen Gewinne (vor Abzug der Steuern) kam. Nur 6,8 Prozent der Befragten vermuteten, daß die durchschnittlichen Gewinne von Industrieunternehmen unter zehn Prozent liegen. Beim Einzelhandel nehmen dies auch nur 8,6 Prozent der befragten Durchschnittsbürger an. Fast jeder Dritte dagegen glaubt, daß Industrie und Handel die Hälfte des Verkaufspreises und mehr als Reingewinn einstreichen.

Tatsächlich schwanken die erzielten Gewinne nach Untersuchungen der Bundesbank im Zeitraum von 1965 bis 1978 (jüngere Zahlen liegen noch nicht vor) bei der Industrie zwischen 11,4 und 6,2 Prozent. Dabei basieren diese Zahlen noch auf der Untersuchung von Unternehmen, die nach Ansicht der Bundesbank eher eine "Positivauslese" darstellen. Im Durchschnitt aller Industriebetriebe dürfte deshalb der Gewinn vor Steuern noch geringer ausgefallen sein.

Noch drastischer sind die Unterschiede zwischen Phantasie und Wirklichkeit, wenn die Gewinne nach Begleichung aller steuerlichen Abzüge betrachtet werden. Dann bleiben beispielsweise bei Veba, dem umsatzstärksten deutschen Industriekonzern, gerade noch 1,19 Prozent Gewinn vom Umsatz. Bei VW sind es magere 0,9 Prozent und selbst Daimler-Benz, das mit Abstand ertragreichste deutsche Industrieunternehmen, schaffte im vergangenen Jahr nicht mehr als 3,09 Prozent Umsatzrendite.

Nicht besser sieht es beim Handel aus. Während der Durchschnittsbürger seinem Einzelhändler zutraut, daß er 31,6 Prozent seines Umsatzes als Gewinn verbuchen kann, sind es nach den Untersuchungen des Instituts für Handelsforschung nie mehr als 7,6 Prozent gewesen. Das war 1965. Im Jahr 1979 mußte sich der Einzelhandel dagegen mit durchschnittlich 4,8 Prozent zufrieden geben – wobei der Lohn für die Arbeit des Unternehmers und seiner Familie sowie die Verzinsung für sein investiertes Eigenkapital noch mitgerechnet wurden. Bei dem Versuch, den eigentlichen Gewinn zu ermitteln, kamen die Handelsforscher sogar zu dem Ergebnis, daß der deutsche Einzelhandel 1979 im Durchschnitt einen betriebswirtschaftlichen Verlust von 0,4 Prozent gemacht hat.