Ganz knapp verfehlte Tony Benn den Sitz des stellvertretenden Vorsitzenden

Von Karl-Heinz Wocker

London, Ende September

Als die Stimmen gezählt waren, hatte Tony Benn den Erfolg um 0,8 Prozent verfehlt: Denis Healey bleibt Michael Foots Stellvertreter an der Spitze der Labour Party. Nach dem Ergebnis gab es nicht wenige Delegierte, deren Kenntnis des Einmaleins ihnen sagte, Benn habe sich das Grab selbst gegraben. Ihre Rechnung lautete so: Hätten er und seine linken Freunde nicht seinerzeit darauf bestanden, im neuen Wahlkollegium den Gewerkschaften 40 Prozent zu geben, gegenüber nur je 30 für die Ortsverbände und die Fraktion, so wäre der Sieg ihm sicher gewesen. Mit der Formel, für die Healey und seine Freunde seinerzeit eintraten – je ein Drittel für jede der drei Gruppen – wäre Benn heute der Stellvertreter. Denn jetzt stimmten die Gewerkschaften zu fast zwei Dritteln für Healey. Benn hatte sich in seiner eigenen, so schlau gelegten Schlinge verfangen.

Rechnung Nummer zwei: Selbst mit dieser unerwartet hohen Unterstützung der trade unions für Healey – der nur wenige Entschließungen des letzten Gewerkschaftskongresses unterschreiben würde – hätte Benn noch gewinnen können, wären da nicht die Fraktionskollegen gewesen. Die Benn-Linke hatte ja durch die neue Prozedur eben dieser Unterhaus-Fraktion das Recht zur Wahl der Parteispitze nehmen wollen. Doch die Stimmenthaltung von etwa drei Dutzend Abgeordneten trug ebenfalls zu Benns Niederlage bei: Die Rache der Fraktion traf den, der sie ihres Rechtes berauben möchte. Daß Tony Benn sich 1979 nach der Labour-Niederlage weigerte, ins Schattenkabinett einzutreten und Verantwortung in der Opposition zu tragen (er wollte lieber seine Position aufbauen und die Linke konsolidieren), hat ihm die Fraktion außerdem nie verziehen.

Dabei versagten nicht etwa diejenigen Abgeordneten Benn ihren Beistand, die seine Politik ablehnen. Nein: Unter den 37, die sich im Konferenzsaal von Brighton der Stimme enthielten, befanden sich viele namhafte Linke. Was Benn in der Sache will, wollen sie auch – nur nicht mit Beim an der Spitze oder auch nur in deren Reichweite. Ohne die Gesinnungs-Genossen aber reichte es für ihn nur zu 49,574 Prozent.

Für die Hektik des Wahlkampfs zeichneten zwei Anhängergruppen verantwortlich. Die des Gewinners Denis Healey nannte sich das Komitee "Solidarität", trat freilich im Gegensatz zur -polnischen Namensvetterin eher als Bewahrerin der Tradition auf. Healey ist allen Schmähungen, die über die Kabinette Wilson und Callaghan niedergingen, energisch bis selbstmörderisch entgegengetreten. Doch wenn Benn unterstellte, die Niederlage von 1979 sei nur zustande gekommen, weil die Labourminister und die geordneten sich nicht an Wahlprogramme und Parteibeschlüsse gehalten hätten, so befand auch er sich auf heiklem Boden. Michael Foot (sicherlich erleichtert, daß ihm Benn als Gespons erspart blieb) ließ in seiner Rede vor den Delegierten am Dienstag auch prompt die hämische Bemerkung fallen, er selbst sei ja nicht in so vielen Kabinetten Minister gewesen wie Tony Benn. Den Seitenhieb konnte er sich leisten: Er hat Luft bekommen, weil die Gewerkschafts-Blockstimmen in Brighton auch noch ein paar andere Linke aus dem Parteivorstand drängten.