Ich weiß nicht, ob das Martinsviertel die untrüglich beste und geschliffenste Architektur ist, die das Ehepaar Schürmann in seiner 25jährigen selbständigen Arbeit hervorgebracht hat, aber es ist der fesselnde, überaus gelungene Versuch, eine so komplexe, groß und grob erscheinende, Geschichte und Gegenwart verbindende Aufgabe sensibel zu lösen. Alles, was sie vorher entworfen haben, ist, damit verglichen, einfacher – auch wenn der Begriff trügerische Vorstellungen weckt: weil Einfachheit ziemlich kompliziert sein kann. Joachim Schürmann, der ein paar Jahre als Professor in Darmstadt gelehrt hat, hat immer Lust gehabt, sich einfache und klare Räume mit kühnen Konstruktionen zu erstreiten.

So wundert es auch gar nicht, daß Joachim Schürmanns früh erkorene Heilige der Architektur Alvar Aalto und, ungleich stärker, Ludwig Mies van der Rohe sind. Aber seine Häuser lassen erkennen, daß ihn an deren Bauten nicht nur das Erscheinungsbild faszinierte, sondern auch die Denkweise, der sie ihre Gestalt verdanken.

Das erste Beispiel dafür ist das eigene Haus in Köln, ein flacher, L-förmiger Bau aus Stahl und Glas, "von einer Einfachheit, der ich manchmal nachtrauere" (weil übertriebene Fürsorge sie heute per Baugesetz verbietet). Nebenan hat er einen schön proportionierten zweistöckigen Quader aus Lärchenholz-Fachwerk konstruiert. In Darmstadt konzipierte er die vier Gebäudeteile eines Einfamilienhauses als eine Gruppe von Beton-Tischen mit Beton-"Beinen" und einer kassettierten, sich selber tragenden "Tischplatte", unter der die Räume sehr flexibel eingefügt (und vielfach variiert) werden können. Sein Bürohaus in Köln, vis-à-vis Groß St. Martin, wird von einem Betonfachwerk getragen, das ausgefüllt ist mit porösen Betonmauersteinen. Bei Dublin wiederum baute er seinem Bruder – dem Bildhauer und, nunmehr, Sänger Werner Schürmann – ein graphisch wunderbar streng und klar gezeichnetes Backsteinhaus, das quadratisch einen Patio umschließt – sein vermutlich populärstes Haus.

Wer am Anfang seiner Karriere als selbständiger Architekt – 1956, er war gerade dreißig Jahre alt – noch vermutet hatte, hier entwickele sich ein Rekonstruktions-Fachmann für das demolierte Köln, ging freilich in die Irre. Der gelungene Wiederaufbau der Krypta von St. Gereon führte am Ende zwar auch mit zu dem Auftrag an Schürmann, die im Krieg zerstörte romanische Kirche Groß Sankt Martin wieder zu errichten, aber erst einmal zu Entwürfen moderner Sakralbauten. Alle diese, meist in Wettbewerben entstandenen Bauten machen heute noch überraschend gute Figur: weil sie, zu eigenwilligen Verbindungen zwischen Tradition und Gegenwart geführt haben und weil sie "im Kontext" entstanden sind, im Kontext mit der Gattungsgeschichte, aber auch mit der Moderne, wie sie damals der "Internationale Stil" (oder, ebenso mißverständlich, der Funktionalismus) formuliert hatte. Seine Prinzipien hat Schürmann damals adaptiert: Er konnte sich darin sicher ausdrücken, sie behindern ihn auch heute nicht.

Konstruktiv hat jede dieser Kirchen ihre Eigenart. Beispiele? Die Christuskirche in Wuppertal: aus Bruchsteinmauerwerk, darauf ein Glasfries, auf dem das Holzdach aussieht, als schwebe es; St. Stefan in Köln-Lindenthal: eine dreischiffige Basilika, deren Mittelschiff einen dunkel gerasterten, durchscheinend weißen Quader bildet, der von zwölf schlanken Säulen getragen wird; St. Pius in Köln-Flittard: vier lange, dünne, oben sich auch noch verjüngende Säulen, die einen großen Baldachin aus einem räumlichen Stahlrohrgeflecht tragen, eine aufs äußerste "ausgedünnte" Konstruktion. Wenn Joachim Schürmann diese Wagnisse schildert, deutet er die Aufregungen mit Anmerkungen wie diesen an: "Die pure Konstruktion", "nie habe ich so viele Stoßgebete gesprochen wie hier", "das würde heute keine Firma mehr bauen".

Den letzten Satz sagen einem viele Architekten, die den bequemen Weg meiden. Bei Schürmann scheint er einen Augenblick lang zu verwundern, weil er immer wieder die Handwerker preist, mit denen er Umgang hatte, vor allem diejenigen, die über seine komplizierten Wünsche erst nörgelten, sie dann aber mit desto größerem Eifer erfüllten. "Seinen Dachdecker" konsultiert er seit zwanzig Jahren, und ohne seinen Polier, Josef Hackenbruch, sagt er, hätte er die große Martinskirche niemals wieder so herrichten können, wie es seit zwanzig Jahren geschieht.

Im Œuvre Joachim Schürmanns gibt es selbstverständlich ein paar Bauten, die vielleicht nicht ausdrücklich mißraten, aber von einer langweiligen Korrektheit sind – oder störend. Doch selbst das Gebäude, das sein Architekt seines konfektschachtelförmigen Aufsatzes und der schwarzen Farbe wegen selber als einen Irrtum empfindet, die ABC-Bank am Hauptbahnhof in Köln, zeigt ein paar räumliche Erfindungen, die charakteristisch sind und in vielen interessanten Entwürfen verwandelt wiederkehren.