Am Dienstag letzter Woche, dem Tag, an dem in Berlin die acht Häuser geräumt wurden, bin ich morgens gegen sieben Uhr durch dumpf tönenden Trommelwirbel geweckt worden. Geschlafen hatte ich in der Winterfeldtstraße 20, einem der zur Räumung anstehenden Häuser, neben rund 150 Hausbesetzern und Sympathisanten sowie einigen Kollegen, darunter einem Kamerateam des NDR-Magazins Panorama.

Drei Leute trommelten unten auf der Straße mit den Händen rhythmisch auf umgestülpte Fässer einer nahen Baustelle. Mit einem von ihnen habe ich mich eine halbe Stunde später gestritten, einem Jungen mit Lederjacke und blondem Bart. Als ich vor dem Haus stand und einige Leute von meiner Schokolade aßen, wollte der Trommler auch etwas haben. "Nein, Dir geb’ ich nichts, weil Du uns vorhin geweckt hast", habe ich ihm recht unwirsch gesagt, "und das finde ich unheimlich beschissen, weil wir die letzten beiden Nächte sowieso kaum geschlafen haben." Genauso unwirsch kam es zurück: "Jetzt ist nicht die Zeit zum Schlafen, jetzt ist die Zeit zu kämpfen."

Eine Woche später habe ich den Jungen wiedergesehen, abends in Panorama: Es war Klaus-Jürgen Rattay, der sieben Stunden nach unserem kleinen Streit tot war, nach einem Polizeieinsatz von einem Bus zu Tode geschleift. Auf den Zeitungsbildern, die zwischendurch veröffentlicht waren, hatte ich ihn nicht erkannt; Darauf hatte er keinen Bart und die Bilder waren sehr unscharf. Das Panorama-Team hatte ihn zwei Tage vor seinem Tod interviewt, nachdem er die Fernsehleute selbst darum gebeten hatte.

Er hatte sein Elternhaus in Kleve verlassen, war drei Monate durch Europa getrampt und lebte seit eineinhalb Monaten in Berlin, in der Hausbesetzer-Szene, "um gleichzeitig mitzuarbeiten, mitzuhelfen, um auch gleichzeitig an Demonstrationen teilzunehmen – weil eben in Berlin viel mehr los ist als anderswo in Europa".

Klaus-Jürgen Rattay eignet sich weder zum Rädelsführer der Chaoten, wie ihn die einen nun gern darstellen, noch zum Märtyrer der Bewegung, wie ihn die anderen sehen. Sein Tod richtet vielmehr Fragen an alle Beteiligten. Rattay hat in der kurzen Zeit, in der er in Berlin war, in einem halben Dutzend besetzter Häuser gewohnt, hat sich also offenbar in keinem so recht heimisch gefühlt. Er scheint zu den Hunderten enttäuschter und hoffnungsloser Jugendlicher gehört zu haben, die sich in der westdeutschen Provinz durch die Medien vom Berliner "Zoff" und unentwegter Randale haben faszinieren lassen. Diese Jugendlichen, die vor allem auch nach dem Aufruf zum "Tuwat"-Spektakel nach Berlin geströmt sind, suchen hier als "Streetfighter" ihre Aggressionen gegen Staat und Gesellschaft loszuwerden und gleichzeitig Geborgenheit und Wärme in der Hausbesetzer-Szene.

Nach dem Tod Klaus-Jürgen Rattays beginnt man in der Szene betroffen und etwas ratlos darüber nachzudenken, daß die Hausbesetzer solchen Erwartungen und Hoffnungen im Moment hilflos gegenüberstehen. Der Streß, in dem die Hausbesetzer derzeit leben, die Angst, irgendwann vielleicht doch das Feld räumen zu müssen, der Zwang, die besetzten Häuser mit Aktionen und Aktionismus unentwegt verteidigen zu müssen, haben zwar eine starke Solidarität entstehen lassen. Die hektische Atmosphäre bietet aber jenen keine Ruhe und Sicherheit, die wie Klaus-Jürgen Rattay offenbar vor allem noch auf der Suche sind, die ausgezogen sind, "um Träume zu leben", wie die alternativ-linke tageszeitung (taz) kritisch kommentierte. Darin werden die Hausbesetzer aufgefordert, sich endlich der Frage zu stellen: "Was machen wir eigentlich mit jenen Leuten, die nach Berlin kommen und nicht wieder gehen wollen", "die glauben und hoffen, in dieser Stadt einen Platz zu finden." Klaus Pokatzky